Nr. 218 - Lassen Sie sich nicht so leicht täuschen

Leicht werden die Dinge, wie Sie im Focusing auftauchen, als feststehende Wahrheiten gesehen, die sich nicht verändern.

Das ist auch ganz verständlich. Lebe ich zum Beispiel schon seit Jahrzehnten mit einer inneren Diktatur und bin ich es gewohnt, mich zu gängeln und zu kontrollieren, so erscheint dies im Moment des Focusing und in alltäglichen Situationen unverrückbar, unveränderbar. 

Im Focusing zeigt es sich vielleicht als harter Richter, als Diktator, als eiskalter Blick oder als eine starre Organisation, die alles kontrolliert und überwacht.

Der einzig gangbare Weg scheint dann zu sein, sich dagegen zu wehren, es einzuhegen, es auszuschließen - oder sich zu fügen.

Bitte lassen Sie sich nicht so leicht täuschen!

Sie haben es im Focusing nicht mit feststehenden Wahrheiten zu tun, sondern mit lebendigen, sich wandelnden Prozessen. Fallen Sie also bitte nicht auf die erste Version herein, die auftaucht.

Kein Gefühl, kein Bild, kein Gedanke hat so viel Substanz! Vielmehr entwickelt sich im (korrekten*) Beisammensein mit Ihren Gefühlen und Gedanken ein Fluss verschiedener Versionen: Ein sich ständig wandelnder, schöpferischer Prozess, von dem wir lernen können.

Wie könnte dies konkret aussehen?

Eine erste Version könnte die harte, vernichtende Kritik sein, weil Sie "etwas falsch gemacht haben". Sie könnte sich als Gefühl oder Bild der "Stasi" manifestieren; eine unfassbare und mächtige Kraft in mir, die schwer auszuhalten ist.

Glauben Sie nicht an die Existenz der Stasi im Innern. Sie wären sonst gezwungen, "etwas dagegen zu tun" oder "zu helfen". Vielmehr ist diese Version ein schöpferisches Bild, um auf etwas Weiteres zu deuten. Versuchen Sie stattdessen, zu beschreiben was Sie wahrnehmen, ohne darin zu versinken (Dafür gibt es geeignete Techniken im Focusing). Verweilen Sie, spüren Sie Ihren ganzen Körper, nehmen Sie sich Zeit, bleiben Sie auch offen dafür, welche ANDEREN Beschreibungen auftauchen.

Ein zweite Version könnte dann ein massiver Berg sein, sowie das Gefühl, selbst winzig klein zu sein. Glauben Sie jetzt nicht an den Berg als unverrückbare Wahrheit, sondern versuchen Sie lieber einen Weg zu finden, sich in dessen Ausläufern niederzulassen; den Berg zu spüren. Das gute Gefühl, einfach da zu sein mit dieser Landschaft, ohne etwas tun zu müssen - und gleichzeitig offen dafür zu sein, dass sich etwas wandelt. 

Schließlich könnte eine dritte Version auftauchen, und Sie bemerken, dass der Berg auf einmal eher wie eine Ihnen zugewandte Fassade ist. Sie nehmen wahr, wie der "Berg" jetzt ganz wenig Substanz hat - und wie Sie selbst sich groß und stärker anfühlen - wie zwei ebenbürtige Partner.

Eine vierte Version könnte ein Gefühl des Schmelzens sein, das Abschmelzen des Berges, sowie ein ungewohntes Fehlen dieses Teils in Ihrem Leben; das Aufflammen von Empathie: "Wie geht es eigentlich diesem Teil in mir? Gibt es etwas, was dir wichtig ist? Lass uns miteinander sprechen, ich möchte dich kennenlernen und verstehen!"

Bitte halten Sie alles, was Ihnen im Innern begegnet mit einer gewissen Leichtigkeit, so dass Sie offen bleiben und neugierig darauf sind, wie es sich im nächsten Schritt verhalten möchte, ob es gleichbleibt oder sich wandelt. Seien Sie sich bewusst darüber, dass Sie sich in einem fließenden, lebendigen, wandelbaren Prozess befinden.