Nr. 210 – Müssen sich verletzte Gefühle "bessern", damit es mir gut geht?

Müssen sich verletzte Gefühle "bessern", damit es mir gut geht? Ja und Nein. Sich "bessern" zu müssen macht Druck und es geht nur um eine Lösung, die man sich im Vorhinein vorstellen kann. Meist bedeutet dies jedoch: Möglichst immer weniger von diesem Gefühl haben. (Dies mag anfangs Sinn machen, um eine Grundlage zu schaffen, um überhaupt mit einem Gefühl arbeiten zu können.)

Das Problem bei der Sache ist allerdings der ständige Fokus auf das Gefühl selbst: ES soll sich ändern, weil es MIR sonst schlecht geht.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Im Kern geht es beim Focusing immer darum, wie jegliches Gefühl Sie erlebt. Sind Sie aus der Sicht des Gefühls zum Beispiel einfühlend, raumgebend, erlaubend, unterstützend, mit dem Herzen sehend, lernend, Verantwortung übernehmend? Haben Ihre Gefühle den Eindruck, dass sie Ihnen vertrauen können und bei Ihnen sicher aufgehoben sind?

Wenn ja, weiter so! Wenn nein, dann entstehen Druck, Gebote und Verbote - und Stillstand.

Im Focusing geht darum, wie Sie mit dem sind, was in Ihnen lebt. Jedes Gefühl, das auftaucht, ist damit eine Herausforderung für Ihre Beziehungsfähigkeit und Entwicklung - und nicht Anlass für eine wie auch immer geartete Intervention gegenüber dem Gefühl.

Nehmen Sie zum Beispiel folgende Anregungen, um diesen Wechsel der Perspektive zu vollziehen:

  • Wie kann ich sein, sodass mein Gefühl sich wirklich gesehen fühlt?
  • Was kann ich tun, damit es sich respektiert fühlt?
  • Was kann ich von diesem Gefühl lernen, damit es Teil von meinem Leben werden kann?
  • Wofür in meinem Leben kann ich Verantwortung übernehmen, sodass mein Gefühl mich nicht mehr darauf hinweisen muss?

Wenn Sie sich diese Fragen stellen, dann sehen Sie Focusing in einem neuen Licht und dann "bessert" sich das Leiden an den Gefühlen.

Denn Sie erkennen: Die Gefühle brauchen mich als jemand, der oder die mit ihnen zusammen Zeit verbringt, etwas für sie tun und aus ihnen lernen kann - um das Leben mehr und mehr in die eigene Hand zu bekommen.

Je mehr dies passiert, desto mehr bessern sich (!) in meiner Erfahrung auch die verletzten Gefühle. Denn sie bekommen endlich das, was sie am dringendsten brauchen: Einfühlung, Raum, Erlaubnis, Entlassung aus der Verantwortung, eine Stimme, Respekt und Anerkennung für das Geleistete.