Nr. 202 – Unklarheitsangst, Unklarheitslust

In unklaren Situationen ist es leicht als Erstes ...

  • ... Angst zu bekommen
  • ... sich überfordert und hilflos zu fühlen
  • ... sich bedroht zu fühlen
  • ... wütend oder verzweifelt zu werden
  • ... sich in sinnlosen Aktivitäten zu verlieren
  • ... ungeduldig zu werden und eine Lösung erzwingen wollen
  • ... den Kopf in den Sand zu stecken

Wie Sie sich vorstellen können, sind all diese Reaktionen wenig hilfreich, um mehr Klarheit zu bekommen oder auch nur, um sich zu zentrieren und einen klaren Kopf zu bewahren.

Im Focusing zeige ich jeden Tag, dass es darum geht, wie Sie mit Unklarheit und Unsicherheit umgehen. Was ist Ihre erste Reaktion auf eine Unklarheit? Kann Ihre erste Reaktion anders ausfallen, als die oben genannten Möglichkeiten

Unklarheit wird im Focusing als die Grundvoraussetzung für neue Erkenntnisse gesehen. Unklarheit ist also eine wichtige Ressource: Ja, ich habe keine elegante Lösung parat. Ja, ich weiß im Moment nicht, wie es weitergehen soll. Ich kann gerade nicht in Worte fassen, wie es mir geht. Ich möchte verstehen, was ich aus dieser Situation machen kann. - Nur wenn ich akzeptieren kann, dass ich nicht weiß, kann ich neue Lösungen finden.

Vielleicht mögen Sie sich "Unklarheit" einmal als "etwas" vorstellen - etwas, das um Sie herum sein mag; etwas, das zwischen Menschen auftauchen mag; etwas, das Sie in sich spüren; etwas in der aktuellen Situation, in der nichts mehr so scheint wie vorher; und vor allem: 

  • Etwas, dem Sie Aufmerksamkeit schenken können.

Wenn Sie also sagen könnten "Ich spüre etwas in mir, dass gerade so völlig unklar ist", dann bin ich mir sicher, dass es fast sofort auch möglich wäre zu sagen "... und ich spüre außerdem etwas in mir, dass deswegen sofort Angst bekommt" (oder eine der anderen Möglichkeiten aus der Listen oben).

Sie können sehen, wie schnell die Reaktion "Angst" in Ihnen auftaucht. Bleiben Sie stattdessen im Körper, gehen langsam und differenziert voran, so wie im Focusing, so können Sie beides voneinander trennen. Es gibt dann sowohl 

  • Einerseits: Die Unklarheit; als auch
  • Andererseits: Eine automatische Reaktion (Angst etc)

Können Sie beides in dieser Art trennen und benennen, so ist noch etwas anders passiert: Sie (ja, Sie!) sind auf einmal gegenwärtig, als zugewandte, empathische, erwachsene Person. Diese Person ist in Kontakt, sowohl mit der Unklarheit einer Situation, als auch mit einer (möglichen) automatischen Reaktion. Sie fühlen natürlich Angst oder Unsicherheit etc, aber es überwältigt Sie nicht. 

Sie sind nun in Kontakt mit der Vielfalt Ihrer Reaktionen (es gibt selten nur eine) und außerdem mit der Unklarheit selbst; und wenn Sie dies tun, dann passiert etwas faszinierendes: Die Unklarheit wird interessant, und Sie selbst fühlen sich stabiler und gelassener.

  • Sie sind nicht gefangen von der Angst oder einer anderen automatischen Reaktion. Stattdessen können Sie der Angst jederzeit Aufmerksamkeit schenken und zeigen, dass Sie da sind und Verständnis haben.
  • Sie können somit der Unklarheit gelassen begegnen.
  • Sie können anfangen, in Worte zu fassen, was die Unklarheit genau ausmacht, bedeutet - und so wesentliche Details erfahren und neue Klarheit schaffen.
  • Sie werden fähig, in der Unklarheit offen und interessiert abzuwarten und sich überraschen zu lassen, was aus ihr entstehen kann.
  • Sie können nach einiger Zeit klarer wahrnehmen, was Sie in dieser Situation an Möglichkeiten haben und was Sie brauchen, um diese nutzen zu können.
  • Sie erwerben ein generelles Vertrauen in sich selbst, wie Sie mit unklaren Situationen wirksam umgehen können.
  • Sie fangen an, Unklarheiten so interessant zu finden, dass diese zur Quelle vieler neuer Entwicklungen in Ihrem Leben werden.