Nr. 201 – Sechs Aspekte zu Covid-19 im Focusing

Fast alle meine Focusing-Sitzungen drehen sich gerade um die ganz persönlichen Effekte all der Ereignisse, Einschränkungen und Berichte um Covid-19.

Es gibt verschiedene Themen, die dabei immer wieder auftauchen:

  • Erleichterung. Eines der auffälligsten Gefühle, das in allen Sitzungen auftaucht und öfters fast verschämt benannt wird. Erleichterung taucht in verschiedenen Gewändern auf; als Glücksgefühl, als Leichtigkeit, als Entlastung vom Druck, als "Endlich!", als erfüllte Sehnsucht nach Ruhe und Innehalten. Erleichterung taucht auch auf als ein Gefühl der Befreiung, zum Beispiel als Befreiung von der Scham darüber, gerne etwas "nicht Produktives" zu machen; und Erleichterung taucht auf als Wundern, wie es auf einmal möglich ist, dass ein weltumspannendes (zwingendes) Tun auf einmal anhält; und dass Veränderung in dieser Größenordnung überhaupt möglich ist.
  • Endlichkeit und der Wert des Lebens. In vielen Sitzungen kommen existenzielle Themen zur Sprache. Die eigene Endlichkeit rückt ins Licht, genauso wie Gefühle der Dankbarkeit gegenüber dem Leben und dem eigenen Körper, der schon so viel Herausforderungen gemeistert hat.
  • Das eigene "Innen" im Unterschied zu all dem, was da "Draußen" passiert. In den meisten Sitzungen wird sehr genau wahrgenommen, dass all das, was "Draußen" gesagt, geschrieben, gezeigt wird ... in einem gewissen Sinne im "Innen" nicht richtig ankommt. Oft ist das "Innen" viel ruhiger als erwartet. Oft sind ganz andere Gefühle anwesend, als "nur" Angst.
  • Wachheit, Aktiviertheit, Ruhe. In vielen Sitzungen kann ich beobachten, dass auf einmal Themen angegangen werden, die lange brach lagen oder wo es einfach nicht weiterging. Das ist für alle Beteiligten eine Überraschung. Auf einmal gibt es Energie, Ruhe, Wachheit für die Lösung der anstehenden Aufgabe. Manchmal wird es als eine Art Zentrierung beschrieben, die als Reaktion auf das wahrgenommene Chaos im "Außen" entsteht.
  • Unklarheit, Bedrohung, Ängste. Es ist unklar, wie es weitergehen wird. Die Lebensgrundlage steht in Frage: Ist es möglich, sich neu auszurichten? Wie kann ich anders leben, finanziell zurechtkommen, die Kinder betreuen? Es geht auch darum, wie umzugehen ist mit dem Medienkonsum.
  • Angst vor Isolation. Ein Thema, das speziell die beschreiben, denen der Besuch bei den Enkeln abgesagt wird oder die selbst wählen, sich auch von der Famiie zu isolieren. Hier spielen außerdem andere Themen hinein: Das Annehmen von Hilfe. Die ständige Benennung als "die Alten", die geschützt werden müssen. Der Wunsch, selbstbestimmt leben zu können. 

Meine Idee ist es, dass Ihnen diese erste Auflistung einige Anregungen liefert, mit deren Hilfe Sie alleine oder in den Focusing-Tandems folgendes tun können:

  • Gegenseitige Unterstützung. Lassen Sie sich durch die aufgezeigten Themen anregen, die verschiedenen Emotionen und Gedanken etwas zu entflechten. Auch OHNE Focusing zu praktizieren können Sie die Reaktionen anderer, vielleicht Ihnen nahestehender Personen, besser nachvollziehen - und so können Sie darauf verzichten, diese aus Sorge zu kritisieren und stattdessen gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
  • Psychohygiene. Benutzen Sie Focusing, um sich um Ihre eigene Psychohygiene zu kümmern - mindestens 1x am Tag. Gerne auch in der Kurzversion parallel zum Händewaschen!
  • Erlaubnis. Sie dürfen alles fühlen und alles denken, was in Ihnen auftaucht. Es ist ja sowieso schon da und wirkt in Ihnen! Es gibt keine Tabus. Seien Sie widersprüchlich, seien Sie inkonsistent, und werden Sie neugierig.

Generell gilt: Überraschungen machen lebendig. Gerade in dieser Zeit beobachte ich, wie extrem der Unterschied ist zwischen dem, was wir

  • vor der Focusing-Sitzung an Gefühlen und Gedanken erwarten (z.B. Angst); und dem, was wir dann 
  • während der Sitzung tatsächlich körperlich, emotional, mental erleben (z.B. Erleichterung, Ruhe, Wachheit, Aktivierung).

Diesen Unterschied zu erleben ermächtigt und macht Mut. Es gibt uns Selbstbewusstsein und die Möglichkeit, neugierig zu bleiben, was immer auf uns zukommt und unabhängig davon, was Andere sagen.

So gesehen sind wir nicht nur Opfer der Umstände. Im Erden, Sammeln, Spüren, Denken, Formulieren, Präzisieren, Ausrichten, Handeln finden wir uns (wieder) und tauchen aus "all dem" auf, ohne den Ernst der Lage zu verleugnen.

Wir halten inne, um besser voranzukommen.