Nr. 199 – Der Entzug

in den Winterschulferien, eine Woche im Februar, fahren wir seit einigen Jahren mit einer befreundeten Familie weg. Letztes Jahr, bei der Planung der Februarwoche 2020, kam die Idee auf: Lasst und Skiferien machen. So wir früher als Kinder.

Nach kurzer Zeit war uns allen klar, nein, Skifahren passt nicht mehr; immer weiter in den Norden reisen, um noch Schnee zu haben; und immer höher in die Berge? Der Erderwärmung immer einen Schritt voraus sein und diesen Prozess gleichzeitig vollkommen ignorieren?

Nein, der Gedanke Ski zu fahren, der fühlte sich an, wie eine alte, kaputte Gewohnheit. Etwas aus Kindheitserinnerungen, lange her. Genau wie die Salzstreufahrzeuge hier in Roskilde, die immer noch streuen, auch wenn es kein Eis mehr gibt.

Stattdessen fühle ich lieber den Entzug; und die Fakten, die es auch in der aktuellen COVID-19 Krise zu akzeptieren gibt - und bald auch in der Klimakrise. Der Entzug dessen, was früher pure Liebe war und heute nicht mehr so ist, wie es einmal erschien.

Es ist wie der Partner, der nichtsahnend vom Anderen verlassen wird, und jetzt ein riesiges Loch in sich spürt, das sich nicht mehr füllen lässt. Erst wenn die Trennung ohne Hoffnung akzeptiert ist, erst wenn dem Entzug zugestimmt wird, kann Neues entstehen.

Entzug ist also hochinteressant. Nicht so ein schönes Wort wie Akzeptanz, aber trotzdem :-). Was machen wir mit dem Entzug? Und entspreche ich dabei den Erwartungen?

Ich lese zum Beispiel überall von Angst und Panik ... nur finden kann ich das in diesem Ausmaß weder in mir noch bei meinen Freunden und Bekannten. (Ich hab wohl die falschen?) Ja, es gibt Sorgen, es gibt viel Unklarheit, es gibt finanzielle Schwierigkeiten - und es wird schon fleißig an Lösungen gebastelt.

Wenn ich den Entzug beobachte, dann finde ich viele verschiedene Teile. Neben der propagierten Angst, Unsicherheit und Einsamkeit gibt es auch ganz andere Seiten.

Teil von mir ...

  • ... genießt den Entzug; es ist, als ob ein bestimmtes Hetzen und Dröhnen und Drohen endlich aufhört. 
  • ... ist erleichtert durch den Entzug und fühlt eine offizielle Erlaubnis, aufhören zu dürfen, wie eine "Verordnung von oben". Ich muss das weder selbst entscheiden noch begründen. 
  • ... mag, dass es Allen so geht. Alle sind in einem Boot.
  • ... ist neugierig, sieht den Entzug als Herausforderung und Denkanstoß: Wie wollen wir eigentlich den Klimawandel schaffen? Welcher Entzug wird auf uns zukommen? Womit kann ich aufhören? Können wir als Gesellschaft Entzug lernen, dem aktiv vorgreifen? Oder wird das anders gehen müssen, müssen wir wieder gezwungen werden?
  • ... wird es schwindelig, ob des Entzugs auf so vielen Ebenen der Gesellschaft gleichzeitig und erlebt neben Hilfsbereitschaft und Zuwendung in gewissem Masse auch Abwertung und Schadenfreude. Hier liegt Gold begraben ...


Was mache ich jetzt mit diesem Text?

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird.

Mir hilft es, all die Ereignisse als Entzug zu sehen.

Der Entzug ist eine Voraussetzung, um etwas Neues zu lernen.

Ich bin neugierig darauf, was wir aus diesem Entzug lernen werden und was dadurch möglich werden kann.

Wie lerne ich aus dem Entzug? Ich lasse mich darauf ein.