Nr. 188 – Wie beschütze ich verletzte kindliche Anteile?

Verletzte, kindliche Anteile sind intensiv, oft kaum auszuhaltende Wunden; sind sie doch die im Körper fühlbaren Auswirkungen von beispielsweise Schikane und Tyrannei, von Verlust, Verrat, Beschämung und Gewalt. Diese wunden Anteile vor weiteren Attacken beschützen zu wollen ist nur logisch. Aber welches ist der beste Weg, zu beschützen?

Wenn Sie sich mit Schmerzen aus Ihrer Kindheit auseinandersetzen, hier und jetzt, so ist der Täter (meist) nicht mehr im Außen zu finden.

Es scheint, als ob dieser inzwischen im Innern lauert; dass es nun innere Täterteile gibt, die es darauf abgesehen haben, wieder zu beschämen, zu verurteilen, zu vernichten – und so scheint es auf den ersten Blick logisch, diese harschen Stimmen zu bekämpfen, um sich selbst zu schützen.

Es scheint darum zu gehen, Partei zu ergreifen für die kindlichen Anteile, die sich verletzt und ohnmächtig fühlen. Dies ist sicherlich ein wichtiger Schritt, und es ist in meiner Erfahrung wichtig, die Verletzung im Detail zu würdigen und auch den Machtmissbrauch zu benennen.

Allerdings ist dieser Ansatz unvollständig. Denn in der Praxis entsteht aus einer einseitigen Parteinahme ein innerer Verdrängungskampf, der zur Folge hat, dass keine nachhaltige Sicherheit und kein Vertrauen im Innen entstehen kann.

Nur wenn Sie für alle Anteile und für jeden Anteil Partei ergreifen, dann kann echte Sicherheit und gegenseitiges Vertrauen in Ihnen entstehen.

Es gilt deshalb meiner Meinung nach darum, zu realisieren, dass auch die Anteile, die sich scheinbar wie ein Täter verhalten, Ihre Parteinahme und Verständnis brauchen. Diese sind nichts anderes als Teil einer versuchten und wenig glücklichen Lösung eines Dilemmas.

Eine Überlegung

Aus meiner Erfahrung bezüglich der Anteile in Ihnen, die sich täterähnlich verhalten, haben diese mindestens zwei Aspekte:

  • Verhalten – Fremd – Das Verhalten des Teils im Innen (z.B. harsche, vernichtende Kritik) wurde in einer bedrohlichen Situation übernommen und gelernt, um sich selbst im vorauseilenden Gehorsam zu beschützen, weil es damals die beste Lösung darstellte, oder weil es nichts anderes gab. Dieses Verhalten oder diese Qualität kann sich fremd anfühlen.
  • Sein – Echt – Unter dem gelernten, übernommenen Verhalten des Teils liegen die tatsächlichen Gefühle der damaligen Situation, also beispielsweise Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut, Schmerz, Scham, usw. Diese Gefühle fühlen sich echt und stimmig an.

Solch ein Teil kann sich anfühlen wie der Täter aus Ihrer Vergangenheit oder die repressive Atmosphäre, in der Sie aufgewachsen sind. Er fühlt sich aufgrund des übernommenen Verhaltens oder der übernommenen Qualitäten an wie ein Fremdkörper, etwas das nicht dazu gehören kann und nicht angenommen werden kann.

Die zwei Aspekte differenzieren

Im Focusing können Sie dies bis zum Ende erfühlen und entsprechend differenzieren:

  1. Mein Anteil: „Ich nehme etwas in mir wahr, einen Teil, der eine unlösbare Situation versucht zu lösen, indem er etwas übernimmt. Ich nehme etwas in mir wahr, das sich hilflos und wütend fühlt.“ – dieser Teil gehört zu mir und fühlt sich echt an … und …
  2. Täterverhalten und Fremdkörper - „Ich kann wahrnehmen, dass dieser Teil ein Verhalten übernommen hat, welches ich als Kind als vernichtende Verurteilung etc. erlebt habe. Ich kann wahrnehmen, wie dieser Teil eine Last trägt, die nicht zu mir gehört.“ - Dies kann sich „fremd“ und „schwer“ anfühlen.

Besonders der Aspekt des unannehmbaren, fremden Täterverhaltens taucht im Focusing gerne auf, zum Beispiel …

  • Die Stimme meines Vaters oder meiner Mutter, die mich vernichtend kritisiert
  • Ein Gefühl von Schwere und Bürde, die nicht mir gehört

Annahme und Reflektion der zwei Aspekte

Es ist nun wichtig, mindestens die zwei oben genannten Aspekte (Mein Anteil, Täterverhalten) in der Reflektion sichtbar und fühlbar zu machen. Es geht dabei um die Differnzierung des fremden, übernommenen Verhaltens und des dahinterliegenden, eigenen Erlebens.

Beispiele:

  • Ich nehme etwas in mir wahr, das in dieser Situation gelernt hat, mit der Stimme meines Vaters oder meiner Mutter zu sprechen. Es macht sich Sorgen, dass ich in den Augen meines Vaters oder meiner Mutter […Kritik…] bin. Es fühlt sich hilf- und schutzlos ausgeliefert.
  • Ich nehme etwas, in mir wahr, das in dieser Situation gelernt hat, meiner Mutter dieses Gewicht abzunehmen, um zu helfen. Ich nehme wahr, wie es davon überzeugt ist, dass es meine Aufgabe ist, dass es meiner Mutter besser geht. Ich nehme wahr, wie es dieses Gewicht gelernt hat zu tragen. Ich spüre, wie alleine und verlassen es sich mit dieser Aufgabe fühlt.

Beschützen in der Allparteilichkeit

Was hat das jetzt alles mit dem verletzten, kindlichen Anteil zu tun – und wie ich diesen beschützen kann? Aus meiner Sicht entsteht Schutz und Sicherheit durch Allparteilichkeit und klare Differenzierung.

Das Fremde in mir, das Übernommene und Gelernte, muss nicht mehr als „Täter“ oder „Innerer Kritiker“ verdrängt werden. Stattdessen kann ich es in Worte fassen und so in seiner Wirkung (und zu dessen Erleichterung) neutralisieren: Ich erkenne, dieses Verhalten ist übernommen und gelernt, und zwar aufgrund einer damals unlösbaren Situation.

Beschützen kann ich dann besonders gut, wenn …

Beschützen kann ich also dann besonders gut, wenn ich sehen kann welches Erleben und Verhalten aus der vergangenen Situation stammt und wie etwas in mir ein Dilemma zu lösen versucht, indem es Täterstrategien übernimmt und lernt.

Das Gegeneinander von Täter und Opfer kann so im Innen unterbrochen werden. Was vormals so aussah wie ein innerer Täter kann erkannt werden als Teil der Verletzung und als Teil des Versuches, dem Schmerz zu entfliehen und das Dilemma zu lösen.

Ich erkenne, dass all die komplizierte Teilelandschaft aufhört, mich in ihren Bann zu ziehen, sobald ich aufhöre, einseitig Partei zu ergreifen in dem Glauben, das bestimmte Anteile in mir „gut“ und andere „böse“ seien.