Nr. 185 – Verstehen, wie wichtig Sie sind

Es leicht, die Wichtigkeit der Rolle, die Sie selbst in der Begegnung mit Ihren Gefühlen und Gedanken spielen, misszuverstehen oder zu unterschätzen. Dieses Missverständnis können Sie an verschiedenen Stellen Ihres inneren Prozesses bemerken; und erst wenn Ihnen bewusst wird, wie sehr Ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung in der inneren Begegnung benötigt wird, bekommt die Praxis etwas Lebendiges, Interessantes und Zukunftsweisendes.

Stellen Sie sich vor, Sie halten inne und gehen mit Ihrer Aufmerksamkeit in Ihren Körper. Sie lassen Ihren Körper in Ihrer Aufmerksamkeit langsam in den Vordergrund treten. Sie nehmen sich Zeit, die Form, das Gewicht, die Grenzen und das Potential und die Lebendigkeit des Körpers wahrzunehmen. 

Sie werden dann – zusammen mit den Wellen Ihrer Ein- und Ausatmung - des weiten, inneren Spürraums gewahr. Nach einiger Zeit formulieren Sie eine Einladung an diese innere Lebendigkeit, „Was möchte zu dieser Fragestellung oder diesem Thema auftauchen?“; und Sie warten ab, gesammelt, wach, ohne Worte … und dann taucht etwas in Ihnen auf.

Zu wem mache ich mich?

Dieses „Etwas“ kann ein Schmerz sein, ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Gefühl, eine Körpersensation; und für viele Menschen sieht das, was dort auftaucht, letztlich erst einmal vor allem aus wie eines: ein Problem; oder etwas, das es zu lösen und zu verstehen gilt.

Weniger schnell wird bemerkt, zu wem ich mich dadurch gemacht habe. Denn meist bedeutet dies, dass ich jetzt ein Problemlöser geworden bin; jemand, der „dort“, bei den verschiedenen miteinander ringenden Anteilen, etwas ausrichten sollte. Es kann eine regelrechte Fixierung auf die inneren Anteile und wie diese zu sein haben sollen entstehen.

Wir sagen dann „Jetzt taucht dies auf, jetzt taucht jenes auf“ und haben das Gefühl, irgendwie mit Problemen und Defiziten zu tun zu haben und zu mindestens mit deren Verwaltung oder Verbesserung beschäftigt zu sein.

Die Einseitigkeit herkömmlicher Beziehungen "nach Innen"

An einem Punkt in Ihrer Praxis werden Sie dann vielleicht gewahr, wie einseitig diese Beziehung ist. Sie ist nach innen gerichtet, jedoch nur einseitig. Immer sind Sie nur am machen und tun, und was nicht entsteht ist: ein Dialog oder ein Miteinander.

Eine Erkenntnis einladen und fühlbar machen

Manchmal gebe ich dann eine Einladung, aus meiner Rolle als Focusing-Begleitung, in den Prozess hinein und sage:

„Vielleicht magst du dir Zeit nehmen, einmal nachzuspüren WIE WICHTIG DU hier und jetzt gerade bist für ……. (einen Teil in dir); wie wichtig es tatsächlich ist, dass DU da bist für es/sie/ihn.“

oder

„Vielleicht magst du dir Zeit nehmen, einmal nachzuspüren WIE WICHTIG DEINE ANWESENHEIT hier und jetzt gerade ist für ……. (einen Teil in dir).“

Diese Einladung kann zu einer Transformation der inneren Begegnung führen. Wenn ich bereit bin, dann kann ich an dieser Stelle erkennen, dass es eigentlich in der ganzen Arbeit um mich geht und wie ich eigentlich Zeit mit dem verbringe, was in meinem inneren Spürraum auftaucht.

Das Erkennen meiner Wichtigkeit für diese Begegnung

Ich erkenne dann, dass ohne meine Anwesenheit, ohne meine Zuwendung, ohne meine hohe Aufmerksamkeitsqualität oder ohne meine Liebe und Zuneigung keine innere Begegnung und kein innerer Dialog, keine wirkliche Akzeptanz und auch kein Wandel möglich wäre.

Mit anderen Worten, ich erkenne mein Potential, meine Bedeutung und meine Wichtigkeit für dieses Geschehen und in der Begegnung mit jedem einzelnen Erlebensaspekt, der im Focusing entsteht.

Wenn mir dies gelingt, dann bekomme ich eine andere Färbung. Ich nehme die Dinge, die in mir auftauchen anders wahr. Anstatt mich also als Opfer, Beobachter oder Manager zu fühlen, bin ich in einem aufregenden, interessanten inneren Dialog

Anstatt Angst zu haben vor dem, was in mir ist, nehme ich wahr, wie wichtig meine Anwesenheit ist. Anstatt zu „intervenieren“ bin ich vielleicht voller Liebe, und anstatt streng und distanziert zu schauen kann ich anfangen dem „dort“ bestätigend zuzulächeln und mein Herz und meine Verbindung zu diesem einen, wichtigen Teil von mir zu spüren.

Das Aufblühen

Das Ergebnis, wenn Ihnen dieser Sprung einmal gelingt, wird Sie sicherlich umwerfen. Wenn all die Anteile endlich ein lebendiges Gegenüber in Ihnen bekommen, dann muss nichts mehr anders sein, als es ist. Alles darf so sein, und es gibt keine Angst vor irgendetwas.

Die „Akzeptanz“, die vorher nur ein Wort war, wird Ihnen dann vorkommen wie ein vertrockneter Zweig; und das Aufblühen der inneren Begegnung erzeugt Wärme, Liebe, Interesse und Klarheit.

Solch eine Begegnung gilt es immer wieder neu zu gestalten und immer wieder kann Sie zum Blühen gelangen, wenn Sie nur die Tatsache wahrnehmen, wie wichtig Sie und Ihre Aufmerksamkeit tatsächlich sind.