Nr. 184 – Stilles Leiden: Was fehlt, wenn Präsenz fehlt

Wenn Sie die Verbindung zu Ihrem Inneren verlieren, dann mündet dies oft in stilles Leiden. Der Körper fühlt sich schlecht an, voller Spannung und innerlich zerrissen, der Kopf schwer, die Lebensenergie nicht erreichbar. In diesem Zustand ist es einigermaßen schwierig, zu erkennen, worum es eigentlich geht und was überhaupt fehlt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal eine Kurzversion vorstellen, die mit etwas Erfahrung im Focusing dazu benutzt werden kann, im Alltag eine der Grundvoraussetzungen wiederherzustellen: Präsenz.

Neben den formalen Einzelsitzungen, in denen Sie neugierig in den Körper lauschen und Verbindung nach Innen suchen, kann solch eine Kurzversion für den Alltag hilfreich sein, um sich zu stabilisieren; denn Attacken im Innern laufen gerne versteckt ab, und Sie bekommen nur noch mit, wie schlecht Sie sich auf einmal fühlen.

Das Auftauchen des Tunnelblicks

Wenn Sie schon praktische Erfahrung mit Focusing haben, dann wird Ihnen recht schnell klar sein, dass Sie in solch einem Zustand verschmolzen sind mit einem Teilaspekt Ihres Erlebens. Von einem Moment auf den anderen bekommen Sie dadurch eine sehr einseitige Sicht auf sich selbst und die Menschen und Interaktionen um sich herum.

Sie können dies vielleicht als verletzt, kalt, zusammengezogen, ausgestoßen, kleingemacht, bewertend oder hart erleben.

Was fehlt, wenn Präsenz fehlt

Wenn Sie in solch einem Erleben versinken, dann sind Sie als präsente Person im wahren Sinne des Wortes nicht mehr vorhanden; und wenn Ihnen Präsenz fehlt, dann fehlen in meinen Augen folgende Aspekte:

  • Erdung. Eine kraftvolle Verbindung zu Ihrem Körper. Das Gefühl, wirklich da und geerdet zu sein.
  • Sein. Das Gefühl in Ordnung und wertgeschätzt zu sein.
  • Raum. Die aktive Erlaubnis aller gemischter Gefühle und Gedanken im Innern.
  • Ohne Richtung. Die Wahlfreiheit, sich mit etwas im Innern zu beschäftigen oder nicht.

Stattdessen findet sich dann eher:

  • Wenig bis kein bewusstes Fühlen des Körpers. Die Wahrnehmung ist eher im Kopf oder im Leiden an Symptomen zentriert. Tunnelblick.
  • Das Gefühl, falsch zu sein und nicht zu genügen. 
  • Der Versuch, alle gemischten Gefühle und Gedanken loszuwerden oder zu ändern. Eine innere Zerrissenheit, ein inneres Ringen.
  • Der Zwang, sich mit einem Gefühl oder Gedanken beschäftigen zu müssen – meist, um es zu bekämpfen oder loszuwerden.

Eine der größten Schwierigkeiten im Alltag ist es zudem, wenn das Gefühl vorherrscht, dass das Problem hier und jetzt gelöst werden muss – und deshalb an dem Zustand, den Sie erleben, versucht wird etwas zu ändern; auch diesen intellektuell verstehen zu wollen kann leicht in eine Sackgasse führen.

Sie können sich das so vorstellen, dass in Ihnen ein Kämpfen und Ringen stattfindet; und dann werden Sie noch zusätzlich zu jemandem, die in dieses Kämpfen und Ringen in der einen oder anderen Form eingreift, um es loszuwerden. Das ist natürlich nicht hilfreich.

Ihr Körper, Ihr Leib; Wertschätzung und Raum

Stattdessen geht es in diesem Moment darum, den eigenen Körper wieder in all seiner Lebendigkeit und all seiner Feinheit wahrzunehmen. Nicht die Inhalte des Problems (z.B. ein Streit, eine widerkehrende Schwierigkeit, …) bzw. die „Teile“ in Ihnen stehen im Mittelpunkt der Bemühungen, sondern die Wiederherstellung eines lebendigen Kontakts.

Erst dann können zwei weitere innere Bewegungen möglich werden, die dann insgesamt zu einer Kurzversion führen, sich im Alltag wieder zu finden. Diese drei aufeinander aufbauenden, inneren Bewegungen oder Aktivitäten würde ich offen formulieren, z.B.

  1. Ich finde Wege, meinen Körper in all seiner Lebendigkeit wahrzunehmen.
  2. Ich finde Wege, mir selbst wertschätzend gegenüber zu sein.
  3. Ich finde Wege, Raum anzubieten für alles in mir, dass nicht dieser Meinung ist.

Die Wiederherstellung von drei fehlenden Aspekten der Präsenz

Für mich persönlich würde das im Moment folgendermaßen aussehen, und ich empfehle es sehr, ein eigenes Vorgehen zu finden:

  1. Erdung. Ich nehme mir Zeit, meine Augen zu schließen und mit meiner Aufmerksamkeit fünfmal vom Kopf bis zu den Füßen über und in meinem Körper zu streichen. Dies verbinde ich mit meiner Atmung, d.h. wenn ich langsam ausatme, dann streiche ich innerlich durch meinen Körper hindurch, vom Kopf bis zu den Füßen. Wenn ich einatme, dann spüre ich meinen Brust- und Herzbereich und die Lebendigkeit und das Pulsieren im ganzen Körper. Wenn ich nach fünf Wiederholungen nicht ausreichend im Körper bin, dann wiederhole ich diesen Schritt einfach.
  2. Sein. Ich bleibe bei dem Rhythmus meiner Atmung und sage bei der Einatmung innerlich so etwas wie „Ich bin so in Ordnung, wie ich bin …“ oder „Ich bin so in Ordnung, immer und mit allem was da ist …“. Dieser Satz entfaltet seine Kraft und stabilisierende Wirkung nur in Kombination mit dem dritten Schritt:
  3. Raum. Bei der Ausatmung sage ich innerlich so etwas wie „… UND ich gebe allem in mir Raum, das anderer Meinung ist.“ Dieser dritte Schritt hat in meinem Erleben etwas Erleichterndes, denn ich dränge nicht die Stimmen aus mir heraus, die voller Sorge um mich sind und mich deshalb attackieren. In Kombination mit dem vorherigen Satz wird klar, dass ich keine starre Regel aufstelle, sondern dass Vielfalt im Innern willkommen ist.

Ich wiederhole diese Schritte so lange, wie ich das brauche bzw. wie es möglich ist in den gegebenen Umständen. Auch zum Beginn einer Focusing-Sitzung kann ich mir diese drei Schritte gut vorstellen, insbesondere wenn ich es mit einer „harten Nuss“ zu tun habe. Es kann auch verschieden sein, auf welche Art und Weise ich mit meinem Körper in Verbindung trete oder welche Formulierung gerade passend ist.