Nr. 183 – Machtmissbrauch benennen

In vielen Einzelsitzungen bin ich als Begleiter Zeuge von Themen, die mit dem Missbrauch von Macht zusammenhängen bzw. direkte Folgen dieses Missbrauchs sind. Machtmissbrauch klar zu benennen fällt den meisten Menschen, mit denen ich arbeite, zunächst schwer. Dies liegt an der inneren Dynamik, die sich schützend um den Vertrauensbruch und den Schmerz des Missbrauchs herum gebildet hat – und dadurch auch den Täter und die Tat vor einer klaren Benennung schützt. 

Dieser doppelte Schutz führt dazu, dass mit dem eigentlichen Thema nur eingeschränkt gearbeitet werden kann. Dies wiederum drückt sich gerne darin aus, dass all die Gefühle und Gedanken, die im Zusammenhang mit dem Missbrauch stehen, einzig und allein als persönliche Probleme und Defizite wahrgenommen werden („Wieso lasse ich mich davon so beeinträchtigen?“ „Damit sollte ich besser umgehen können.“)

Zerstörtes Vertrauen, für sich selbst sorgen

Vor allem wird Vertrauen zerstört; und wenn Vertrauen einmal zerstört ist, dann wird es immer schwerer, sich jemandem zu offenbaren. Stattdessen findet in dem Moment des Machtmissbrauchs ein radikaler Schnitt statt. Ich vertraue nicht mehr, sondern gehe davon aus: „Ich kann niemandem vertrauen.“, „Ich muss für mich selbst sorgen.“

Der ungewollte Schutz des Täters

Dies führt in allen möglichen Variationen dazu, dass der Machtmissbrauch und der Täter nicht mehr als solches benannt werden können. Stattdessen geht es immer nur darum, die eigene Schuld zu suchen:

  • „Dass mir so etwas passiert liegt an meinem Unvermögen!“
  • „Das habe ich falsch gemacht!“
  • „Wieso habe ich das nicht vorher erkannt?“
  • „Es liegt immer an mir!“
  • „Das hättest du dir denken können!“ 
  • „Du muss dich besser vorbereiten!“
  • „Jetzt ist mir das wieder passiert.“
  • „Du bist schuld!“

Diese Aussagen dienen dazu, sich vor dem unkontrollierbaren Missbrauch innerhalb eines Machtgefälles zu schützen – indem ich selbst Verantwortung übernehme und ständig aufpasse, dass ich nicht in Gefahr gerate.

Im Rahmen des Focusing ist es m.E. ein wichtiger Schritt, diesen Teil, der so funktioniert, zu erkennen. Im weiteren Verlauf geht es dann darum, den Machtmissbrauch zu benennen, also zum Beispiel: „Ich kümmere mich hier um die direkten Folgen eines Machtmissbrauchs.“, „Alles, was ich im Zusammenhang mit diesem Machtmissbrauch erlebe, sind normale und wichtige Reaktionen in mir.“

In meiner Erfahrung über viele Sitzungen zu diesen Themen ist diese Idee schwer zu akzeptieren, und zwar für den Teil, der gelernt hat, immer „Schuld“ und „allein verantwortlich“ zu sein.

Wie ich mich aufgrund des Machtmissbrauchs fühle ist für diesen Teil ausschließlich mein persönliches Problem. Beispiele:

  • „Ich sollte es besser im Griff haben, dass …“
  • „Meine Tränen sind blöd und peinlich.“
  • „Wie ich mich fühle, das ist falsch. Ich muss mich entspannen.“
  • „Ich bin nicht in Kontakt mit meinen Ressourcen.“
  • „Wieso wirkt Focusing nicht?“
  • „Ich mach etwas falsch.“

Erleichterung: Benennen ist erlaubt

Erleichterung tritt auf, wenn diese Sätze als Schutzstrategie erkannt werden und Freiraum entsteht, das Geschehen selbst als das zu benennen, was es ist:

  • Dies war Machtmissbrauch.
  • Es gibt einen Täter.
  • Es gibt andere, die den Täter geschützt und mich verraten bzw. mir nicht geholfen haben.
  • Ich war in dieser Situation ohnmächtig und habe alles Vertrauen verloren.
  • Ich habe gelernt, ganz allein damit zurecht zu kommen und höre mir jetzt das erste Mal wieder richtig zu

Im Focusing gehe ich also zwei Wege gleichzeitig. Erstens erkenne ich an, dass die Situation (damals) ein Machtmissbrauch ist und es einen Täter und eine Tat gibt.

Auf dieser Grundlage kann ich dann wahrnehmen, was ich als direkte Folge gespürt habe (z.B. Hass und Wut, Ohnmacht, Rachegedanken), was mit meinem Vertrauen passiert ist und wie ich das Geschehen umgedeutet habe um mich zu schützen („Ich bin schuld“) – und all dies, ohne meine Gefühle als „Problem“ oder „Defizit“ sehen zu müssen.

Von hier aus kann ich klare Verantwortung übernehmen dafür, wie ich mich in Zukunft sehen und wie ich mit mir umgehen möchte. Von hier aus kann ich anerkennen, welche Folgen der Missbrauch für mich hatte, ohne mich weiter schuldig zu fühlen.