Nr. 181 – Im Würgegriff des „Ich muss“

Ich muss schnell machen. Da muss ich mitmachen. Da darf ich nicht Nein sagen. Wenn ich ständig etwas „muss“, dann verliere ich leicht das Gefühl für meine eigene Geschwindigkeit, was mir wichtig ist, was ich brauche, wer ich bin – und befinde mich in einer subtilen Falle: Alles, was ich tue, um aus diesem unangenehmen Gefühl auszusteigen (zum Beispiel Focusing lernen) wird auch sofort zu einem „Muss“. Ich muss Focusing lernen. Ich muss das richtig machen. Ein Teufelskreis ist entstanden. Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Die Antwort auf solch einen Würgegriff liegt aus Sicht des Focusing darin, zuerst einmal in einen wertschätzenden Kontakt mit dem Anteil in mir zu kommen, der gelernt hat, dass „Müssen“ (lebens-)notwendig ist. Ich werde erklären, was solch ein Kontakt konkret bedeutet und welche Schritte dazu hilfreich sein können.

Erster Schritt: Dem „Muss“ Zuwenden

Ein wertschätzender Kontakt beginnt damit, dass Sie sich dem Teil zuwenden können, der annimmt immer etwas zu „müssen“. Wichtig dabei ist Ihre hohe Aufmerksamkeitsqualität; Sie stellen sich also dem Gefühl des „Müssens“, indem Sie es detailliert beschreiben und ohne es zu bewerten.

Am besten gelingt dies in Verbindung mit Ihrem Körper. Sie spüren, wo im Körper das Muss stattfindet. Das ist oft ein Punkt zwischen den Augenbrauen, kann aber natürlich überall im Körper (oder um den Körper herum) spürbar werden. Sie spüren es vielleicht als eine gewisse Starrheit oder einen Druck. Es kann sein, dass Sie ein Bild dazu bekommen, z.B. von einer strengen oder unbarmherzigen Person aus Ihrem Leben. 

Zweiter Schritt: Sich der Ablehnung zuwenden

Sie werden bemerken, dass Sie dieses Gefühl des „Muss“ im Körper höchstwahrscheinlich nicht leiden können, es unangenehm finden, verstecken möchten oder es sogar hassen.

Daher ist es im nächsten Schritt wichtig, sich diesem zweiten, ablehnenden Aspekt auch zuzuwenden. Erst dann ist der Weg frei, in einen Kontakt zu kommen, der wertschätzend und raumgebend ist.

Dritter Schritt: Wertschätzender Kontakt

Was bedeutet es, in einer wertschätzenden Beziehung zu sein? Es bedeutet, wahrnehmen zu können, was ein Aspekt in mir konkret …

  • fühlt
  • denkt
  • wichtig findet
  • braucht
  • für meinen Schutz und Wohlbefinden leistet (und wie lange dies schon so ist)

Dies würde zum Beispiel im inneren Dialog mit dem „Muss“ so aussehen:

  • Ich sehe, dass es dich gibt …
  • Ich verstehe, wie es dir geht mit all diesen Erfahrungen …
  • Kein Wunder, dass dir das „Muss“ so wichtig ist, wenn du früher …
  • Ich sehe, wie wichtig es dir ist, mir zu helfen, indem du …
  • Ich sehe, wie lange du jetzt schon versuchst, mich zu schützen …
  • Ich höre, dass du gerne eine Entwarnung von mir hättest …

Dies sind Sätze, die Sie von jemandem hören, der in einer wertschätzenden Beziehung ist mit einem inneren Teil.

Daran können Sie auch erkennen, dass es nicht die Teile sind, die sich zuerst weiterentwickeln, sondern Sie selbst: Anstatt zu fordern, dass ein verängstigter Teil einfach aufhört oder weggeht, nehmen Sie Verantwortung, diesen wahrzunehmen, zu verstehen und diesem Raum zu geben.

Echte Entspannung folgt Erlaubnis

So legitimieren Sie Teil Ihres Erlebens und holen es hinein in einen Raum des Miteinanders, in dem Interesse anstatt Ablehnung herrscht: Sie demonstrieren, dass Sie jetzt da sind, bereit zu fühlen und zu verstehen. Erst im zweiten Schritt wird dann eine Reaktion im Innern stattfinden, die langsame Weitung und Entspannung der bisher schmerzhaften und zusammengezogenen Reaktion „Ich muss …“

Haben Sie einmal im Focusing diese Art der Entspannung und Weitung erlebt, dann geht es darum auch diese bewusst wahrzunehmen und auch im Alltag darauf zu achten: Wann ist es hier weit? Wann zieht es sich wieder zusammen? Anstatt wieder in eine direkte oder direktive Art zu verfallen („Ich muss jetzt aufhören zu müssen“) lassen Sie die Erfahrung aus dem Focusing wirken und bleiben neugierig, wie das „Muss“ sich im Körper zeigt und verändert.