Nr. 179 – Gleichbleibendes näher betrachten

Es passiert leicht, die innere Welt der Gefühle und Gedanken als etwas Gleichbleibendes zu sehen: „Immer bin ich …“, „Ich spüre da nie etwas …“, „Mein Muster ist immer …“, „So bin ich …“, „Meine Sorge ist ständig …“, „Ich habe Angst, dass es immer …“, „Die ganze Zeit denke ich …“ – Lassen Sie sich von der Idee des gleichbleibenden „Immer“ einfangen, so kann Stillstand und Hoffnungslosigkeit entstehen.

Der Schlüssel liegt darin, genau hinzuschauen und Nuancen wahrzunehmen. Denn das, was so gleichbleibend erscheint, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als nuanciert. Was sich als Stress zeigt, gibt vielleicht den Blick frei auf einen bedeutungsvollen Kampf von Gegensätzen und eine neue Entwicklungsrichtung.

Bei sich selbst ankommen im nuancierten Beschreiben

In der Wahrnehmung dieser Gegensätze, Unterschiede und Nuancen liegt die Möglichkeit, Neues zu lernen und zu entwickeln – und bei sich selbst anzukommen.

Dies ist für viele meiner Klientinnen und Klienten auch die Motivation schlechthin, sich nach Innen zu wenden und neugierig zu werden, z.B. mit den Fragen: „Was liegt eigentlich genau in diesem Schmerz?“, „Wie lebt dieses Gefühl eigentlich wirklich in mir?“, „Worauf möchten mich diese Gedanken eigentlich genau hinweisen?“, „Worum geht es hier?“

Eine neue Haltung erlernen

Durch die Erforschung der subtilen Unterschiede in meiner Wahrnehmung und den beschreibenden Worten, die ich dafür finde, entsteht eine neue Haltung. Anstatt in Gefühle hineinzufallen oder Gedankenkreisläufe einfach zu glauben, werde ich neugierig auf die Information, die in den Unterschieden und dem variierenden Gefühl der Stimmigkeit steckt.

Wie fühlt sich der Unterschied zwischen „schnell“ und „langsam“ an? Wie erlebe ich „melancholisch“ im Vergleich zu „traurig“? Wer bin ich, wenn etwas in mir „schwer“ ist oder „leicht“, „zäh“ oder „flüssig“? Ist es möglich, damit zu experimentieren, mal „offen“ und mal „verschlossen“ zu sein? Was ist stimmiger, diesen Moment zu beschreiben, X oder Y?

Einen lebendigen inneren Prozess haben dürfen

Auf diese Art und Weise auszuprobieren und zu verstehen macht etwas in uns lebendig.

Anstatt immer nur aus einer bestimmten, festgelegten Perspektive gesehen und bewertet zu werden (und dann die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen), können Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Körpersensationen, Bilder … einfach so entstehen, sich neu kombinieren, überraschend auftauchen, voneinander lernen, miteinander kooperieren, sich gegenseitig hervorbringen, sich voneinander lösen.

Durch den Fokus darauf, was auftaucht und wie genau sich dies anfühlt (im Unterschied zu dem vorherigen) bildet sich eine Grunderlaubnis heraus, aufgrund der erst einmal alles sein darf: So, ohne endgültige Lösungen haben zu müssen, ist es. Jetzt, ohne an irgendetwas glauben zu müssen, ist eine neue Möglichkeit entstanden. Mehr braucht es dazu nicht.