Nr. 178 – Zuwenden & Lassen anstatt Optimieren & Ersetzen

In der Welt der Selbstoptimierung gibt es viele schnelle Urteile bezüglich dessen, was an mir gut und förderlich ist und was nicht. Von dem einen soll mehr da sein, von dem anderen weniger. Im Focusing kann dieser Eindruck auch schnell entstehen, möchten Sie doch vielleicht mehr Geduld entwickeln, nicht mehr so verkopft sein, entspannen können, sich weniger kritisieren, usw. Es scheint dann darum zu gehen, in diesen Bereichen „besser“ zu werden, indem Sie sich „richtig“ verhalten und das „Falsche“ durch das „Richtige“ ersetzen: Anstatt ungeduldig zu sein, geduldig; anstatt aufbrausend, entspannt und offen; anstatt bewertend, offen; anstatt bewertend, mitfühlend.

Hört sich einfach an! Tatsächlich entsteht in meiner Erfahrung durch diesen Ansatz des Optimierens und Ersetzens ein Problem: Hoher Druck. Was in Wirklichkeit jetzt da ist (z.B. Ungeduld) soll ersetzt werden durch etwas, das nicht da ist (z.B. Geduld).

Optimieren & Ersetzen: Ich fühle mich schlecht

Dazu gehört wohl die Idee, es richtig und besser machen zu sollen und sich in der jetzigen Form, also wie ich hier und jetzt bin, schlecht zu fühlen: Zum Beispiel „Ich bin ungeduldig und ich ………… (meditiere, fokussiere, übe, trainiere) jetzt, um geduldiger zu werden“.

Oder in allgemeiner Form:

  • „Ich bin schlecht und ich ….(mache).… jetzt, um besser zu werden“
  • „Ich bin falsch und ich ….(strenge mich an).… , um richtiger zu werden“
  • „Ich bin unzufrieden mit ….. und versuche, anders zu sein“
  • „Ich möchte X durch Y ersetzen“

Wie könnte es gelingen, sich ganz anders mit Veränderung und Wachstum zu beschäftigen? Ganz einfach: In meiner Arbeit geht es darum, sich erst einmal dem zuzuwenden, das jetzt gerade sowieso da ist. Im Gegensatz zum Optimieren & Ersetzen würde ich es das Zuwenden & Lassen nennen.

Zuwenden & Lassen: Ich bin neugierig

Wenn Sie zum Beispiel in einem Focusing-Prozess merken, dass Sie ungeduldig werden, dann würden Sie innerlich sagen: „Ich nehme mir Zeit, mich dem zuzuwenden.“ Wem oder was wende ich mich zu? Etwas in mir, das jetzt gerade ungeduldig ist.

Wenn Sie in der Meditation merken, dass ein Gedanke immer und immer wieder auftaucht, dann würden Sie innerlich sagen: „Ich spüre, da ist etwas in mir, das jetzt gerade sagt: ‚…(Gedankeninhalt)…‘“

Wenn Sie in einem Konfliktgespräch merken, Sie möchten sich einfach nur zurückzieheen, so würden Sie innerlich sagen: "Ich merke, wie etwas in mir sich am liebsten verkriechen möchte!"

Sich nicht schlecht fühlen müssen, um Wandel einzuleiten

Anstatt sich also schlecht zu fühlen und zu denken „Das muss anders“ wenden Sie sich dem zu, was sowieso hier und jetzt da ist. Anstatt zu optimieren und zu ersetzen wenden Sie sich zu und lassen es, wie es ist.

Wenn dies gelingt, dann werden Sie merken, wie die Erlebensaspekte reagieren und sich in der einen oder anderen Art verändern. Vielleicht fühlt sich etwas in Ihnen endlich gehört und entspannt sich. Vielleicht möchte es sich weiter mitteilen und offenbart eine wichtige Einsicht. Vielleicht spüren Sie einen inneren Konflikt, der Ihnen vorher gar nicht bewusst war.

Veränderung und Wachstum, ohne Anstrengung

Was auch immer passiert, eins ist sicher: Es entsteht Veränderung und Wachstum, ganz ohne Ihr Eingreifen im Sinne des Ersetzens & Optimierens. Vielmehr sind Sie jetzt interessiert daran, was eigentlich genau passiert, wenn Sie sich zuwenden und lassen, was immer da ist.

Sie werden außerdem merken, dass es nicht mehr anstrengend ist. Sie müssen sich nicht eine Lösung für das „Problem“ oder das „Falsche“ aus den Fingern saugen bzw. eine bestimmte ideale oder richtige Vorstellung vielleicht sogar gegen Widerstände durchsetzen.

Stattdessen sind Sie durch den einfachen Akt der Zuwendung weit, annehmend, neugierig und interessiert und haben so per se die beste Grundlage geschaffen für tiefgreifenden Wandel.