Nr. 177 – Ablehnung anstatt radikaler Annahme

Brutale Ablehnung ist Standard im Innern, und es kann jeden möglichen Anteil auf verschiedenste Art und Weise treffen. Was aber in jedem Fall passiert: Im Zuge der Ablehnung erscheint der abgelehnte Anteil in einer meist völlig verzerrten Form; getränkt mit Bewertungen, Annahmen, Befürchtungen oder Ängsten. Diese Erscheinungsform macht uns glauben, dass die Ablehnung richtig und gut sei; und so entstehen akzeptierte Verbote für bestimmte Gefühle, für bestimmte Gedanken … und spätestens dann sollten die Alarmsignale angehen.

Die Überzeugung, dass eine bestimmte Art zu fühlen oder einen bestimmten Gedanken zu haben, per se schlecht sei ist das Zeichen dafür, innezuhalten und genauer hinzuschauen.

Alles kann abgelehnt werden. Ablehnung ist Standard.

Hier einige Beispiele für Prozesse, die bei entsprechender Erfahrung im Leben gerne mit voller Wucht abgelehnt werden:

  • Lust (am Leben)
  • Innere Kritik und Attacken
  • Der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung
  • Gefühle von Hass
  • Der Wunsch, endlich „Nein!“ zu sagen und sich abzugrenzen
  • Gefühle von Einsamkeit
  • Stolz
  • Verletzlichkeit

Diese Liste könnte unendlich lang sein. Wie gesagt kann Ablehnung wirklich jeden Aspekt unseres Erlebens treffen, wenn dieser nur gefährlich genug erscheint bzw. als gefährlich interpretiert und sanktioniert wurde.

Kennen Sie auch ein Gefühl oder einen Gedanken, von dem Sie sagen würden:

  • Das darf so nicht sein. Ich darf so nicht sein.
  • Ich bin so schlecht, dass ich solch einen Gedanken immer noch habe.
  • Was denkt wohl XYZ, wenn der/die davon wüsste?
  • Wie peinlich.

Sobald dies eintritt, ist es deutlich schwieriger, den Aspekt frei zu untersuchen und in eine Begegnung zu kommen. Generell sind mehrere Schritte notwendig, um von hier aus vorwärts zu kommen:

  1. Bewusstsein. Mit wird bewusst, dass ich in einer Zwickmühle stecke. Der Kontakt zu dem Anteil, der auftaucht (z.B. der Wunsch frei zu sein von der Erfüllung der Bedürfnisse anderer) wird mir verwehrt, weil die Ablehnung so stark ist. Ich stecke in einem Dilemma und es braucht Mut, jetzt einen weiteren Schritt zu gehen.
  2. Aufmerksamkeit. Ich wende mich bewusst dem Anteil zu, der ablehnt und abwertet. Ich nehme mir Zeit, diesen zu begrüßen und gegebenenfalls eine Weile bei diesem zu sein. Wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit bei der Ablehnung bin, bin ich automatische auch bei dem Aspekt, der abgelehnt wird.
  3. Sprache. Ich beschreibe insbesondere den Teil, der abgelehnt wird. Ich fasse in Worte, was wirklich da ist. Dafür verwende ich gerne den Satzanfang: „Wenn ich ehrlich bin, dann …“ (z.B. „Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich darauf überhaupt keine Lust“). Dies ist eine Übung in Freiheit. Ich beschreibe einen abgelehnten Aspekt, obwohl es einen Anteil in mir gibt, der dies auf gar keinen möchte.
  4. Flexibilität. Mir ist klar, dass ich durch das Beschreiben des abgelehnten Teils immer auch den Teil provoziere, der meint gute Gründe zu haben, abzulehnen und zu unterdrücken. Ich wechsle flexibel zwischen beiden hin und her ohne „Recht“ geben zu müssen.
  5. Präsenz. Ich bin mir meiner Selbst bewusst und wie die Arbeit mit den beiden Anteile sich in mir auswirkt. Ich kann beschreiben, wie Öffnung stattfindet oder die Zustände im Körper sich verändern, je mehr ich den bisher verbotenen Anteil wirklich „haben“ darf.

Auch im Focusing braucht es natürlich oft eine Weile, bis genügend Vertrauen und Sicherheit entstanden ist, vehement abgelehnten Prozesse sehen zu dürfen.

Auch der Innere Kritiker steht auf der Abschussliste

Und haben Sie gemerkt, dass der „Innere Kritiker“ auch oben auf der Liste der abgelehnten Anteile steht? Es gibt wenig Anteile, die so brutal bekämpft werden, wie der innere Kritiker. Darüber kann man ganze Bücher lesen. Ich bin froh, Focusing erst in einer Zeit gelernt zu haben, in der der innere Kritiker nicht automatisch und methodisch lächerlich gemacht wurde.

Ablehnung kann sehr subtil verlaufen. Vom Totmeditieren der Gedanken bis zum „Schutz“ anderer Prozesse, die scheinbar wichtiger sind, gibt es eine nicht enden wollenden Vorrat an Ideen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Oder wie wäre es mit der Ablehnung der Ablehnung? :-)

Eine neue Form zulassen

Der aus meiner Sichtweise wichtigste Punkt zum Schluss: 

  • Alles, was wir über einen abgelehnten Teil meinen zu wissen, während wir ihn noch ablehnen, ist falsch.

Denn alles, was wir jetzt wahrnehmen können, beruht tatsächlich meist auf Angst oder anderen Annahmen über die Natur dieses Teils.

Beispiel „Freiheit“

Nehmen wir zum Beispiel „Freiheit“.

Abgelehnt durch einen Anteil, der Freiheit als „ungezügelt“ und „leichtsinnig“, vielleicht auch als „unzuverlässig“ betrachtet, scheint Freiheit per se schlecht zu sein. Dieser Teil denkt, sobald Freiheit in bestimmten Beziehungen erlaubt sei, führe dies automatisch zu leichtsinnigem und unzuverlässigem Verhalten.

Im echten Focusing-Prozess erlebte Freiheit stellt sich gänzlich anders dar. Es ist einfach ein Gefühl der Selbstbestimmung, das sich reich, gesättigt, zufrieden und in sich Ruhend anfühlt.