Nr. 173 – Wie nachhaltige Erlaubnis und Erleichterung entsteht

Verbote herrschen gerne im Innern. Unerkannt wirken sie wie Zäune, Mauern und Türen, hinter die ich nicht schauen darf. Oft sind sie so normal geworden, dass wir uns eingelebt haben in einer vertrockneten Welt, die viele automatische Abläufe kennt und wenig Lebendigkeit oder Überraschungen. Im Focusing kommen verbotene Anteile immer wieder hervor und versuchen, sich einzubringen und zu zeigen – und ernten natürlich sofortigen Gegendruck und Kampf. Ist es nicht richtig, hier einzuschreiten, sich auf dessen Seite zu stellen und mit Macht für Erlaubnis zu sorgen? Focusing zeigt uns einen besseren Weg.

In der inneren Arbeit, die wir Focusing nennen, gibt es keinen Feind, gegen den ich mich durchsetzen müsste. Es gibt nichts „Schlechtes“ in mir, das „Schlechtes“ tut.

Vielmehr gibt es Erfahrungen im Leben, die dazu geführt haben, dass ich bestimmte Sichtweisen, Vorlieben, Eigenschaften oder Gefühle unterdrücke und unterbinde. Es entsteht ein unsichtbares Verbot.

Das Verbot in der Erlaubnis

Dieses Verbot wird im Focusing oft in der Erlaubnis entdeckt. Das verbotene Gefühl taucht spontan auf, zum Beispiel Freude. Oder der Gedanke: „Ich darf etwas für mich tun“. Dies taucht aber nicht separat auf, sondern mit dem Gefühl, dass es endlich, hier und gerade jetzt, erlaubt ist.

Verwundert stellen wir also fest, dass es da etwas in mir geben muss, das verbietet und unterbindet.

Dies ist der Schlüsselmoment, um nachhaltige Erlaubnis entstehen zu lassen. Denn der Anteil, der verbietet ist im „Ich“ und wirkt ständig weiter.

Wir sind damit identifiziert und somit ist das Verbot nicht mehr sichtbar, sondern fühlt sich wahr und richtig an, oft gerne auch in der Form des Gebots: „Ich muss immer pünktlich sein.“, „Ich darf nicht für mich sorgen, das ist egoistisch.“, „Ich muss meditieren, um ein besserer Mensch zu werden.“

Den Teil, der verbietet, kennenlernen

Diesen Moment, in dem das Verbot in der Erlaubnis sichtbar wird, gilt es zu nutzen.

Nehmen Sie sich die Zeit, einen Satz in Präsenzsprache zu formulieren, zum Beispiel: „Ich nehme wahr, da ist etwas in mir, dass Freude verbietet und unterbinden möchte.“ Nehmen Sie sich Zeit, sich diesem Teil zuzuwenden, ihn im Körper zu lokalisieren und detailliert zu beschreiben.

So kommen Sie Schritt für Schritt in Kontakt mit etwas in Ihnen, das verbietet. Sie geben diesem Anteil Raum und Aufmerksamkeit. Wenn Sie absichtslos und neugierig da sind, wird Ihnen wie Schuppen von den Augen fallen, was eigentlich los ist.

Sie werden in der Begegnung mit dem Teil, der verbietet, langsam erkennen, dass dahinter ein wichtiges Anliegen steckt: „Sei nicht so, sonst kommst du in Gefahr.“ oder „Sei nicht so, sonst bist du nichts wert.“

Sie selbst bleiben frei

Anstatt sich also in der Logik des Kampfes und der Parteinahme zu verstricken, hören Sie beiden Anteilen frei und unvoreingenommen zu; auf der einen Seite zum Beispiel das Gefühl, das spontan aufgetaucht; und auf der anderen Seite den Anteil, der sofort versucht es zurückzudrängen und einzudämmen.

Sie hören sich also nicht einseitig Erlaubnis gegen ein vermeintlich "schlechtes" Verbot aussprechen (nur um weiteren Kampf zu provozieren), sondern Sie hören sich allparteilich und geduldig einladen, zuwenden, da sein und beschreiben.

Kämpfende Anteile brauchen Ihre Integrität

Was beiden Anteilen deutlich wird, wenn Sie so handeln, ist Ihre Integrität und Klarheit im Umgang mit kämpfenden Anteilen. Beide erleben: Endlich ist da jemand, der sich sorgt und Brücken bauen kann. Es entsteht neben der Erlaubnis für alle Anteile eine nachhaltige Erleichterung.

Beide Anteile werden es genießen, in der Präsenz von jemandem zu sein, der versteht, dass es nicht darum geht, wer Recht hat, sondern dass alle Stimmen ausführlich gehört und gewürdigt werden.