Tipps & Tricks Nr. 95 – Wie Sie sich selbst aus Rollen und Erwartungen entlassen

Sie sind vielleicht ein richtig netter Typ, sagen fast niemals "Nein", lächeln meistens. Oder Sie kümmern sich gut um Andere, hören immer zu, sind immer interessiert; finden immer zuerst "Schuld" bei sich selbst. Oder vielleicht sind sie auf der anderen Seite; oder immer mürrisch oder intellektuell oder provokant oder arrogant oder hyperaktiv oder lassen niemanden aussprechen ...

Sobald es passiert, dass Sie eine sich selbst aufgebürdete Rolle ein einziges mal verlassen (und das auch bemerken ;), dann kommen höchstwahrscheinlich zwei Dinge in Gang:

  1. Sie sind stolz und zufrieden. Wach. Vielleicht gestärkt. Vielleicht etwas verblüfft.
  2. Etwas in Ihnen ist unter anderem besorgt, fühlt sich unsicher, kritisiert Sie vielleicht

Parteilichkeit als Focuser

Spätenstens wenn Sie aus einer Focusing-Sitzung heraus und in Ihr normales Leben hinein kommen, müssen Sie wieder handeln und parteilich werden. Denn es gibt einerseits Tendenzen in Ihnen, die versuchen Sie in alten Rollen zu halten und dass Sie sich darin sicher fühlen. Und es gibt Tendenzen in Ihnen, sich selbst anders als gewohnt zu verhalten und zu sehen. Aber was tun Sie als ganze Person?

Beispiel 1 - um den heißen Brei herum

Aus Ihrer Kindheit kennen Sie es, um Ihre unberechenbare Mutter oder Vater einen großen Bogen zu machen. Sie arbeiten ständig "um jemanden herum". Im Focusing entdecken Sie nun, dass Sie auch jetzt noch ständig "um etwas" herumarbeiten - zum Beispiel, die Probleme mit Ihrer Freundin oder Ihrem Freund endlich einmal anzusprechen. Sie sagen das erste mal in einem Focusing: "Ich möchte aus diesem Prozess jetzt aussteigen, weil es mich stört, wie ich das hier mache. Ich rede ständig um den heißen Brei herum. Ich benutze Focusing, um alles was mich stört vage zu halten und um nicht darüber zu sprechen. Und jetzt will ich endlich mal darüber sprechen." Später am Tag sind Sie noch voller Energie, merken aber wie sich langsam Zweifel einschleichen...

Beispiel 2 - Grenzen setzen

Sie kennen sich als fürsorgliche, immer um das Wohlergehen anderer bemühte Person. Seit einiger Zeit bemerken Sie allerdings, wie diese Rolle Sie anfängt zu schwächen - besonders auf der Arbeit, wo Sie Mitarbeiter auch einmal klar führen und schnelle Entscheidungen treffen müssen. Sie arbeiten mit diesen Anteilen im Focusing und es entsteht eine Situation auf Ihrem Arbeitsplatz, in der Sie zum ersten mal erfolgreich eine Grenze setzen. Abends sind Sie immer noch stolz auf sich selbst, spüren wie dies Sie gestärkt hat - und wie sich langsam Zweifel einschleichen ...

Die Reihenfolge ist wichtig

Am Ende beider Situation steht eine Gefahr: Sie versuchen allparteilich und präsent zu sein und sich dann sogleich den Zweifeln zuzuwenden, die aufkommen. Dies ist ein guter Weg, um die eigene Dynamik und Kraft in der Relativität und Gleichbedeutsamkeit von Präsenz zu verlieren und sich selbst zu lähmen.

Mein Erfahrung ist, dass es in diesem Moment darauf ankommt, dass Sie eine gewisse Reihenfolge erkennen, und zwar dass

  • als Erstes die Freude, der Stolz, die Verblüffung da war; und
  • erst als Zweites der Zweifel als ein zweifeln an der Freude, dem Stolz, der Veblüffung entsteht.

Was die gesamte Person stärkt

Die erste Erfahrung der Freude, des Stolzes, der Veblüffung oder Stärkung folgt direkt auf ein neues Verhalten. Sie haben es geschafft, sich einmal kurz aus einer Rolle oder Erwartung selbst zu entlassen. Ein neuer Schritt ist in der immer gleichen Situation entstanden.

Vielleicht wird es schon klar, wie dieser Schritt wichtig für die gesamte Person ist bzw. für das präsente Selbst. Es ist ein Schritt vorwärts, der auch Raum braucht.

Die Zweifel sind auch wichtig, weil Sie vielleicht einen Bedarf an Sicherheit signalisieren oder den Wunsch, das neue Verhalten besser anzupassen, mehr zu verstehen, oder stimmiger auszugestalten. Dieser Bedarf ist jedoch ein Wunsch für zukünftiges Verhalten. Sie können diesen Wünschen noch viel Zeit widmen - wenn Sie es schaffen, parteiisch zu sein und den bedeutsamen, einen Schritt aus der alten Gewohnheit heraus (an den o.g. Qualitäten) zu erkennen.

Meine Empfehung

Meine Empfehlung lautet also in solchen Fällen: Bleiben Sie in der Reihenfolge. Widmen Sie sich eine Woche lang zuerst und vor allem der Freude, Stärkung, dem Stolz. Danach können Sie diesen Schritt differenzieren und mehr Zeit darauf verwenden, den Beitrag der Zweifel und Wünsche zu untersuchen und wertzuschätzen.

Und ja, um dies gut hinzubekommen (ohne Unterdrückung von Zweifeln; ohne Beschämung eigener Anteile), benötigen Sie eine ordentlich Portion Präsenz. Aber bleiben Sie wach  - was ist bedeutsam, was ist neu, was ist ein gerade entstehender Schritt - und lähmen Sie sich nicht selbst in einer falsch verstandenen Allparteilichkeit.

Sind Sie fasziniert? Erkennen Sie sich wieder?

Wenn Sie diesen respektvollen, unaufgeregten und kontemplativen Ansatz mögen, dann schauen Sie sich gerne an, was es Ihnen bringen kann Focusing zu erlernen.

Herzliche Grüße,
Elmar Kruithoff