Tipps & Tricks Nr. 93 – Zoom Out

Ein Gedanke folgt dem nächsten, ein Kommentar reiht sich an den anderen, Gefühle bringen sich gegenseitig hervor: Bestimmte Details des Erlebens können stark in den Vordergrund treten ohne dass Bewegung oder Veränderung innerhalb eines Problems entsteht; es scheint dann viele verschiedene Teile, wenig Orientierung und kaum Neues zu geben.

Die Bäume und der Wald

Was oft übersehen wird ist die Tatsache, dass "Teile" für sich gesehen gar nicht existieren. Sie existieren nur im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie ich mit mir selbst in Beziehung stehe - oder anders ausgedrückt: wie ich mich selbst sehe.

Verändert sich die Art und Weise wie ich mich selbst sehe, so verändern sich auch die (zum Beispiel in schwierigen Situationen entstehenden) "Teile" - ihr Inhalt, ihre Psychodynamik und ihre scheinbare Zusammenhangslosigkeit bzw. Isolation von anderen Aspekten.

Die eigene Wahl

Focusing ermöglicht es, selbst zu wählen auf was ich meinen Blick richten möchte: Wie bei einer optischen Linse kann ich selbst bestimmen, zu was in meinem Leben ich einen Felt Sense einladen möchte. Das kann ein einzelner, wiederkehrender Gedanke sein - es kann aber auch das Gefühl zu meiner aktuellen Lebensphase sein, was ich mir wünsche oder wie die Beziehung zu einer bestimmten Person ist. Es kann um mein Verhalten in einer konkreten Situation gehen oder darum, welche Möglichkeiten sich in meinem Leben zeigen und welche ich entwickeln möchte.

Zoom Out

Stecke ich in der Wahrnehmung von sich wiederholenden und auf der Stelle tretenden Details oder "Teilen" fest, so gibt es verschiedene Wege damit umzugehen. Einer davon ist das Herauszoomen (Zoom Out) aus diesen Details. Ich verändere also meine Sichtweise und Beziehung zu etwas in mir. Dadurch verändert sich auch der Zusammenhang, die Form und Bedeutung, die dieses Erleben hat. Interessanterweise bedarf diese Art der Veränderung einer großen Offenheit, den es ist in keiner Weise klar, was genau sich verändern wird.

Durch das Hinauszoomen entferne ich mich also nicht nur, sondern ich gewinne vor allem einen neuen Zugang. Konkretes wird in andere Zusammenhänge gestellt. Vagem wird ermöglicht eine Form anzunehmen.

Letztlich entspricht dieses Herauszoomen der Beschreibung eines Felt Sense von Eugene T. Gendlin:

From among what came, select one personal problem to focus on. DO NOT GO INSIDE IT. Stand back from it. Of course, there are many parts to that one thing you are thinking about – too many to think of each one alone. But you can feel all of these things together. Pay attention there where you usually feel things, and in there you can get a sense of what all of the problem feels like. Let yourself feel the unclear sense of all of that.

In diesem Besipiel beschreibt Gendlin den Unterschied zwischen einem Problem, über das ich nur nachdenke, und einem Felt Sense:

  1. Ein Problem, über das ich nur nachdenke, hat viele verschiedene Aspekte oder Teile, denen im einzelnen zu folgen unmöglich ist.
  2. Der Felt Sense ermöglicht es, die Gesamtheit aller dieser Aspekte oder Teile wahrzunehmen. Dieses Gefühl ist am Anfang unklar und schwierig zu fassen und es enthält noch viel mehr als die in Punkt 1 genannten Aspekte; so zum Beispiel die implizit darin angelegten, möglichen Schritte, die intellektuell erfasst und weiterentwickelt werden können (experientielle Differenzierung).
  3. Um einen Felt Sense zu erhalten ist es wichtig, sich nicht in den schon bekannten Details des Problems zu verlieren, sondern ersteinmal Abstand zu nehmen und neue Informationen zu sammeln. 

Wie funktioniert das konkret?

Wie funktioniert das Herauszoomen nun konkret? Wichtig ist die klare Absicht, einen neuen Standpunkt einzunehmen und einen Felt Sense einzuladen: Ich verändere meine Haltung, meine Sichtweise und lasse mich überraschen. Gendlin nennt dies gerne "to mull over", also zu suchen und hin und her zu überlegen.

Beispiel 1: Auf die Qualitäten achten 

In Beispiel 1 hat jemand schnell vor sich hinkreisende Gedanken. Die Gedanken enthalten gegensätzliche Positionen und Bewertungen zu einem bestimmten Thema. Es wird schnell deutlich, dass diese Gedanken eine immer wiederkehrende Abfolge darstellen und in sich "leer" sind. Bedeutsam werden sie erst, als es möglich wird einen neuen Standpunkt einzunehmen und herauszuzoomen: Mit Hilfe einer einfache Einladung, wie zum Beispiel "Vielleicht nehmen Sie sich Zeit, einen Schritt zurückzutreten und all diese Gedanken als ein Ganzes zu betrachten ... und wahrzunehmen, was für eine Qualität dieses jetzt hat." Die Qualitäten dieses neu definierten Ganzen wurde zuerst als "schnell, mechanisch, wie eine Maschine" beschrieben. Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass dieses Bild einer Maschine, des Funktionierens, eine wichtige Bedeutung für die weitere persönliche Entwicklung trug. Es wurde erfolgreich aus den konkreten, schon bekannten Inhalten herausgezoomt.

Beispiel 2: In den Körper bringen

Ich liege nachts wach und mache mir Gedanken. Ich stehe auf, mache mir einen Tee und setze mich hin, um zu verstehen was eigentlich los ist. Nach einiger Zeit merke ich, dass sich so nichts verändert. Stattdessen nehme ich jetzt zusätzlich meinen Körper wahr und frage direkt: "Da muss etwas in mir sein, das all diese Gedanken aus einem guten Grund produziert". Und ja, das ist etwas - dort - und das ist voller Sorge. Jetzt habe ich einen ersten Zugang zu dem, was eigentlich passiert: Es sind Gedanken voller Sorge; und deren Sorge wahrzunehmen ist der entscheidene Aspekt und führt in wenigen Schritten zu einem besserem Verständnis meiner Situation.

Sind Sie fasziniert? Erkennen Sie sich wieder?

Wenn Sie diesen respektvollen, unaufgeregten und kontemplativen Ansatz mögen, dann schauen Sie sich gerne an, was es Ihnen bringen kann Focusing zu erlernen.

Herzliche Grüße,
Elmar Kruithoff