Tipps & Tricks Nr. 80 – Sich selbst vor lauter Teilen nicht sehen

Manchmal scheint es, als ob das eigene Erleben hauptsächlich aus gegensätzlichen, widersprüchlichen Fragmenten besteht. Es entsteht ein Gefühl, zerrissen zu sein, sich nicht entscheiden zu können, nicht zu wissen wo es lang gehen soll.

So werden Sie in wenigstens zwei unterschiedliche Richtungen gezogen, z.B. „Das möchte ich gerne.“ – „Schäm dich.“ Oder „Ich bin begeistert davon!“ – „Oh nein, das kann nicht funktionieren.“ Oder „Ich möchte mehr davon.“ – „Nein, das ist nicht gut/nicht angemessen.“ 

Die richtige Option wählen

Ein Fehler, den ich (auch) im Focusing machen kann ist: Anzunehmen, dass eine dieser Optionen richtig sein muss – und die andere falsch. Der Glaube, dass ich nur den vorgegebenen Möglichkeiten folgen kann.

Fehlende Freiheit

Sobald Sie sich zerrissen fühlen fehlt es Ihnen an der Möglichkeit sich frei zuwenden zu können. Sie sind in dem Kampf zwischen gegensätzlichen, sich ausschließenden „Teilen“ gefangen. Mal favorisieren Sie die eine Seite, mal die andere – und so vergehen die Tage.

Mit anderen Worten: Sie selbst stehen gar nicht mehr für die verschiedenen Aspekte zur Verfügung, sondern Sie sind mit ihnen verschmolzen und haben dadurch eine stark eingeschränkte Sichtweise inklusive dem Druck, sich „richtig“ entscheiden zu müssen.

Außerdem entsteht in solch einer Lage der Eindruck, dass die „Teile“ fest definiert „so“ sind – und sich nicht verändern können. Sie fangen an, diese Teile zu managen, auszublenden, sich für oder gegen sie zu entscheiden, sie zu problematisieren oder reparieren zu wollen.

Es kann sich auch so anfühlen, als ob Sie möchten, dass „die Teile“ in Ihnen jetzt endlich mal zu einer Einigung und zur Ruhe kommen sollen; so also ob Sie das Opfer dieses ständigen Kampfes sind und keine Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden und eine Richtung in Ihrem Leben einzuschlagen.

Wo sind Sie selbst?

Die Lösung liegt in einer anderen Frage: Wo sind Sie selbst? Sobald Sie selbst auftauchen würden (dazu gibt es im Focusing eine Menge zu lernen) und frei wären, den einzelnen unter Druck geratenen Aspekten zur Verfügung zu stehen, würde sich das Bild radikal ändern.

Zyklus des Verstehens

Sie selbst haben keinen Druck. Sie stehen zur Verfügung und können Zeit mit den Aspekten in sich verbringen, die Druck haben: „Es muss so sein!“ - „Nein, anders!“. Die Teile haben Druck; Sie selbst haben dagegen alle Zeit der Welt, um zuzuhören und vor allem: um zu verstehen und sicherzustellen, dass die Aspekte sich wirklich verstanden fühlen.

Durch diesen Zyklus des Verstehens (Zuhören, Verstehen/Reflektieren und Prüfen ob es sich richtig verstanden fühlt) werden die scheinbar widersprüchlichen Meinungen oder Richtungen in Ihnen selbst gehört. Sie können das erste Mal nebeneinander und gleichzeitig existieren.

Sitzen und Abwarten in Gegensätzen

Das Nebeneinander von Gegensätzen ist wichtig dafür, dass Sie selbst wieder ganz werden. Immer wenn es stockt und sich (wie oben beschrieben) zerrissen anfühlt, dann können Sie davon ausgehen, dass etwas in Ihnen noch nicht richtig gehört und verstanden wurde. Deshalb ist das Sitzen und Abwarten in den Gegensätzen im Focusing eine wichtige Praxis.

Achten Sie in Ihren nächsten Focusing-Sitzungen also darauf, wie mit jedem Teil oder Teilaspekt in Ihnen immer auch Sie selbst ins Spiel kommen. Nehmen Sie sich selbst wahr UND den Aspekt, der sich jetzt gerade „so“ meldet. Sie selbst hören, was mitgeteilt werden möchte, was wichtig ist – und bekommen so ein vollständigeres Bild der anstehenden Entscheidung, des Konflikts, Ihres Problems oder Themas.

Der Beitrag, den jeder Teil leistet

Sie können Zeit verbringen mit jeder Meinung, jeder Wortmeldung, jeder Attacke, jedem Zurückziehen, jeder Störung, jeder Polarisierung, jedem Druck. Warum? Weil Sie wissen, dass jeder dieser Teile Teil von Ihnen selbst ist und etwas beizutragen hat. Sie fokussieren auf den Beitrag, den jeder Teil leistet, damit Sie vollständig sind. 

Wenn Sie dies praktizieren, dann kann jeder Teilaspekt Ihres Erlebens mehr und mehr einen würdigen Platz in Ihnen selbst finden – und führt dadurch mit der Zeit zu einer größeren Klarheit in Ihrem Denken, Fühlen und Handeln. 

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