Tipps & Tricks Nr. 64 – Was tun, wenn ich mich ständig übergehe?

Jemand stellt folgende Frage:

„Ich tendiere dazu, mich ständig zu übergehen und zu ignorieren. Ich kann zum Beispiel fühlen, dass es mir in einer Beziehung ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gut geht; und trotzdem ignoriere ich dieses Gefühl. Jetzt, ich fange ja gerade mit Focusing an, möchte ich mich in diesem Punkt besser verstehen. Mir ist aber nicht klar, wie ich damit im Focusing arbeiten kann – ich bin dann ja nicht mehr in der Situation. Geht es darum, das schlechte Gefühl aus der Situation wiederzuerleben, um dann damit weiterzuarbeiten?"

Vielen Dank für diese Frage. Sie merken, wie schlecht es sich anfühlt, sich selbst zu ignorieren – und fragen sich jetzt, ob das Wiederleben dieses Gefühls wichtig ist, um damit weiterzukommen.

Etwas mit neuen Augen betrachten

Vielleicht kommen Sie in der beschriebenen Situation an einen Punkt, an dem Sie sich leer und hilflos fühlen. Es fühlt sich schlecht an, jetzt noch in der Beziehung zu bleiben anstatt sich zu verabschieden und zu gehen; und Sie bleiben aber trotzdem. Ihr Timing stimmt nicht, und im Nachhinein sind Sie dann vielleicht sogar wütend auf sich selbst. Sie haben sich selbst übergangen.

Um mit einer solchen Situation weiterzukommen steht das Wiedererleben der Gefühle nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, das Gefühl und - vor allem - die gesamte Situation mit völlig neuen Augen betrachten zu können.

Sie brauchen neue Daten

Denn was Sie benötigen sind neue „Daten“. Weder das „schlechte Gefühl“ noch das Wissen um das wiederkehrende Verhalten, sich selbst zu ignorieren, hilft Ihnen schließlich heraus aus der Situation.

An diese neuen Daten kommen Sie heran, in dem Sie ein Gefühl über die gesamte Situation einladen, in der Sie sich schlecht gefühlt haben. Dies ist ein völlig anderer Ansatz, als ein Gefühl wiederzuerleben.

Neue Daten finden Sie im Denken und Spüren

Wie können Sie konkret vorgehen? Zu Beginn einer Focusing-Sitzung nehmen Sie sich erst einmal Zeit, mit Ihrer Wahrnehmung in den eigenen Körper zu kommen. Denn das, was Sie an Ihrem wiederkehrenden Verhalten „Ich übergehe mich selbst“ interessiert, finden Sie nur, wenn Sie Ihr Denken mit Ihrem Spüren kombinieren.

Dann benutzen Sie eine einfache Einladung, beispielsweise in folgender Form:

  • „Ich nehme mir Zeit, meinen Körper einzuladen mir zu zeigen, was sich in Bezug auf diese Situation zeigen möchte.“ oder
  • „Ich nehme mir Zeit zu spüren, wie all dies jetzt in mir lebt, und was davon sich zeigen möchte.“

Die Arbeit mit dem Felt Sense

Sie laden also nicht nur ein Gefühl ein, sondern viel mehr: Sie laden einen Eindruck ein, der die gesamten Situation umfasst (den sog. Felt Sense). Ein Gefühl in diesem Zusammenhang zu erinnern kann hilfreich sein; es kann also vorkommen, dass das schlechte Gefühl sich selbst zu übergehen, tatsächlich als erstes in Ihnen auftaucht. Dies können Sie anerkennen und dann den Blick weiten.

Den Blick weiten 1

Den Blick zu weiten kann bedeuten, dass Sie das aufkommende Gefühl mit neuen Augen betrachten und in der Tiefe beschreiben und differenzieren. Dadurch kommen Sie in einen ganz anderen, interessierten Kontakt mit sich selbst – und es entwickeln sich wie von selbst neue Bedeutungen oder Hinweise, worum es hier eigentlich geht.

Den Blick weiten 2

Andererseits kann der Blick sich weiten, indem Sie danach Ausschau halten, was noch in Ihnen vorgeht, wenn Sie an die konkrete Situation denken. Sie bemerken dann vielleicht, wie und warum Sie die unangenehme Situation aufrechterhalten. Sie verweilen mit den Aspekten in Ihnen, die davon ausgehen, dass dieses Verhalten wichtig ist. Sie kommen in Kontakt mit Teilen in Ihnen, die Sie schützen möchten.

Sie werden sich klar über Ihr Verhalten und die inneren Zusammenhänge – und befreien sich so langsam aus der einen Möglichkeit (sich IMMER zu übergehen) und entwickeln sich hin zu einer Wahlmöglichkeit (wie möchte ich in dieser Situation sein?).

Das neue Wissen

Im Ergebnis entsteht ein neues Wissen darüber, welches Verhalten sich richtig oder passend anfühlt. Sie können dann in einer konkreten Situation klar erkennen und sagen, was sich richtig und passend anfühlt und können dem auch mehr und mehr folgen.

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