Tipps & Tricks Nr. 6 – Ich möchte diese Gefühle nicht mehr haben

Jemand schreibt mir:

„Ich bin inmitten einer beruflichen Neuorientierung und ich habe Schwierigkeiten, mit den Gefühlen von Ärger und Ungewissheit in Präsenz zu sein. Wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich diese Gefühle am liebsten überhaupt nicht mehr haben. Irgendwie schaffe ich es nicht, mit meinen Gefühlen in Präsenz zu sein.“

Sie schreiben, wie sehr Ihnen Ihre Gefühle in dieser vertrackten Situation, einer beruflichen Neuorientierung, zu schaffen machen und dass es schwierig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Kommt dann zusätzlich noch der Anspruch hinzu, mit all dem „in Präsenz“ sein zu wollen, kommen Sie leicht in einen Teufelskreislauf – denn was bedeutet „in Präsenz“ eigentlich?

Lassen Sie uns also einen Schritt zurücktreten.

Kann man Gefühle einfach durch Präsenz ersetzen?

Sie schreiben, dass Sie Ihre Gefühle am liebsten gar nicht mehr haben möchten. Dieser Nebensatz ist der wichtigste Punkt, um weiterzukommen: Denn wenn Sie versuchen, Ihre Reaktion („Ich will diese Gefühle nicht haben!“) einfach nur durch eine annehmende Haltung („Ich will in Präsenz sein“) zu ersetzen, so werden Sie dies höchstwahrscheinlich nicht schaffen oder nicht lange durchhalten. Das ist frustrierend: „Ich schaffe das nicht“.

Ein einfacherer Weg

Ein deutlich einfacherer Weg ist es, sich zuerst der Reaktion selbst freundlich und interessiert zuzuwenden. Ihr Fokus liegt also nicht wie erwartet auf den unangenehmen Gefühlen selbst, sondern auf der Reaktion darauf. Im Focusing nennen wir dies das Gefühl über ein Gefühl.

Sie würden also innehalten und sich klar machen: „Da ist etwas in mir, dass diese Ungewissheit und den Ärger nicht (wahr)haben möchte“. Sie können diese Seite von sich begrüßen und damit in Kontakt treten, es besser kennenlernen. Der Schlüssel liegt hierbei darin, dass Sie selbst die Ungewissheit oder den Ärger nun nicht mehr zurückdrängen müssen. Stattdessen können Sie so wieder neugierig werden:

  • Etwas in mir hat diese schwierigen Gefühle, und 
  • etwas anderes möchte diese Gefühle nicht wahrnehmen; und
  • ich selbst kann jetzt wieder neugierig sein ....

Auftauchen und zu sich kommen

Bleiben Sie aber auch hier nicht stecken. Es geht hier in der Hauptsache nicht um den Anfang einer vielschichtigen Analyse von inneren Teilen, sondern darum dass Sie selbst auftauchen und zu sich kommen: „Aha, ich kann mit diesen beiden, sich widersprechenden Anteilen in Kontakt sein. Ich kann mir Zeit nehmen, beide zu verstehen.“ Und ultimativ:  Ich fühle mich wohl und habe einen klaren Kopf, auch wenn diese gegensätzlichen Aspekte in mir sind. Ich kann Entscheidungen treffen, die beide Seiten miteinbeziehen und doch unabhängig davon sind.

Es ist wichtig, dass Sie selbst da sind

Sie bemerken dann wie sehr Sie selbst nötig sind, damit sowohl die eine als auch die andere Seite gehört und verstanden wird. Und Sie bemerken, wie Sie handlungsfähiger werden, wenn Sie sich nicht auf die eine oder die andere Seite schlagen müssen. Hier fängt dann Focusing wirklich an – ein reicher, innerer Dialog und die Fähigkeit, im Unfertigen und Ungewissen zu handeln und zu entscheiden.