Tipps & Tricks Nr. 57 – Was bedeutet die Bitte, nicht mehr zu trösten?

Jemand stellt folgende Frage:

„In meiner letzten Focusing-Sitzung habe ich mit einem Teil gearbeitet, der Angst vor der Einsamkeit im Alter hat. Das war eine sehr intensive Sitzung und es war schwer für mich, die Gefühle dieses Aspekts in mir auszuhalten. Es ging dabei nicht um soziale Isolation, sondern um die Angst davor, im Alter existentiell alleine zu. Die dringlichste Botschaft, die dieser Teil mir zu Verstehen gab, war: ‚Bitte tröste mich nicht mehr! Bitte höre mir zu!‘. Für mich war das sehr berührend und verwirrend gleichzeitig. Wie gehe ich mit solch einer Bitte um?“

Vielen Dank für diese Frage. Sie schreiben, wie intensiv diese Sitzung war und wie schwer es war, die Gefühle zu halten und auszuhalten.

Und es ist Ihnen gelungen! Sie sind in einen tieferen Kontakt gekommen, sodass Ihnen etwas sehr Wichtiges zu Verstehen gegeben wurde, dass Sie bitte nicht mehr trösten, sondern vielmehr zuhören.

Erfahrung

Ich denke, hier zeigt sich einfach die Erfahrung, die dieser Aspekt bisher mit Ihnen gemacht hat. Vielleicht stimmt es, dass Sie dazu neigen zu trösten oder abzulenken, wenn diese Angst vor der Einsamkeit aufkommt. Vielleicht sind Sie sich nicht klar darüber, wie oft diese ängstliche Seite schon versucht hat, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen mit dem Wunsch, gehört zu werden.

Etwas in mir hat den Wunsch zu trösten

„Ich habe solch eine Angst!“ – Das zu spüren kann sehr schwer auszuhalten sein. Kein Wunder, dass es dann andererseits den Wunsch gibt, zu trösten: „Hab keine Angst.“ Als Synonyme zur Tröstung finde ich z.B. Aufheiterung, Aufmunterung, Aufrichtung, Beruhigung, Erleichterung, Ermunterung, Linderung, Zusprache.

Genug getröstet

All dies möchte der ängstliche Teil jedoch nicht (mehr) von Ihnen. Ich denke, davon hat er genug bekommen. Können Sie sehen, wie Trost in diesem Sinne nicht einmal dem nahekommt, was Ihr wirkliches Zuhören leistet?

Wirkliches Zuhören ist so etwas wie Freiheit: Wenn Sie frei sind, dann brauchen Sie es nicht zu trösten, Sie können aufrichtig interessiert sein, brauchen es nicht zu verbessern oder „wieder gut“ zu machen. Sie wissen dann: Etwas in mir fühlt sich existentiell alleine. Und es bittet mich, dass ich einfach zuhöre und nicht mehr tröste.

Trost entsteht im Zuhören

Im Idealfall bekommen Sie beide Aspekte zu Gesicht: Den Ängstlichen und den Tröstenden. Und vielleicht wird dann auch schnell klar, dass wirkliches Zuhören unglaublich tröstend sein kann; dann aber entsteht der Trost im Zuhören und So-Sein-Dürfen.

Dies alles ist Ihnen meiner Meinung nach gelungen. Wenn ich es richtig verstehe, dann gab es nur eine Verwirrung um diese Bitte, nicht mehr zu trösten. Ihnen wird daran vielleicht klarer, dass es etwas in Ihnen gibt, das gerne tröstet.

Die Bitte selbst können Sie natürlich  beherzigen, denn Sie zeigt wie wichtig wirkliches Zuhören und So-Sein-Lassen auch für existentielle Themen ist. Ich vermute, dass Sie noch einige überraschende Veränderungen in diesem Thema erleben werden.

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