Tipps & Tricks Nr. 5 – Ich möchte nicht mehr so viel mit meiner Tochter streiten

In einer ersten Sitzung des Einsteigerpakets kommt folgendes Thema auf:

„Meine Tochter ist jetzt 28 Jahre alt und ihr geht es oft nicht so gut. Immer wenn wir uns treffen, versuche ich dann, ihr zu helfen oder werde wütend auf sie. Ich habe das Gefühl, dass Focusing mir auch in dieser Beziehung helfen könnte, aber wie kann ich das machen?“

Ja, meiner Erfahrung nach haben es gerade die familiären Beziehung in sich. Es ist oft nicht so einfach, in einer engen Beziehung in Präsenz zu bleiben. Ich denke, das kennen wir alle.

Und vor allem: Erwarten Sie bitte nicht so viel von sich, wenn Sie gerade mit Focusing anfangen. Es dauert längere Zeit, bis sich so viel Erfahrung ansammelt, dass Sie diese spezielle zuhörende, abwartende Haltung die Sie sich wünschen, wirklich in den Knochen haben.

Die Arbeit an den eigenen Anteilen

Zum Einen lernen Sie im Focusing sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das machen wir in den formalen Übungssitungen, den sog. Tandems oder Partnerschaften. Sie können sich zum Beispiel behutsam anschauen: „Was taucht in mir auf, wenn ich an die letzte Situation mit meiner Tochter denke, wo es ihr so schlecht ging?“.

Sie laden in den geschützten, ruhigen Raum des Focusing ein, was immer dazu auftaucht. Oft geht es in engen Beziehungen in der Tiefe um Sorge, Liebe und auch darum, nicht loslassen zu wollen; vielleicht als ein Gefühl fehlenden Vertrauens, Schmerz, unausgesprochener Zuneigung. All diese Gefühle lassen sich im Focusing langsam entfalten, und es entsteht ein besserer Kontakt und Klarheit.

Mit der Zeit wird dann mehr Freundlichkeit, Ruhe, Zuhören und Abwarten in Ihren Beziehungen entstehen – und alle Seiten werden davon gestärkt, insbesondere Sie selbst. (Dies schließt nicht aus, auch ärgerlich zu sein; aber eben gut verbunden und kommunizierbar.)

Die Anwendung im Alltag

Zum Anderen möchten Sie von Focusing ja auch im Alltag profitieren, und hier kommt es sehr auf das Timing an. Je mehr Sie im Kontakt mit sich selbst sind, desto schneller wird Ihnen klar:

„Halt! Da ist etwas in mir, dem geht es gar nicht gut, wenn ich meine Tochter so sehe.“

Wenn Sie an diesem Punkt innehalten könnten, wäre das großartig. Es würde einen Raum öffnen, in dem Sie sichtbar werden; so, wie Sie sind, als mitfühlender Mensch. Ich bin so, und ich bin (trotzdem) da und ich höre dir zu. Sie dürfen beide da sein mit Ihrem individuellen Erleben.

Oft geht die eigene Reaktion aber im Autopilotmodus weiter:

„Ich muss etwas tun, damit es ihr besser geht.“  und
„Warum hört sich nicht auf mich?“ und
"Jetzt bin ich wirklich wütend" ...

Sehen Sie, wie subtil der Wechsel von dem eigenen Gefühl hin zum Machen-und-Tun am Anderen passiert? Ein wunderschönes Rezept, um im Streit auseinanderzugehen.

Wie ginge es anders? Ähnlich, wie in den Focusing-Tandems. Es geht darum, die eigenen Anteile zu bemerken und mit Ihnen in Kontakt zu sein, bevor ich tue oder spreche. Die Fähigkeit, innezuhalten und sich zu fragen „Bin ich noch bei mir?“ oder „Will ich etwas bei ihr verändern?“. Die Präsenzsprache ist hier ein wichtiges Mittel.

Focusing führt ultimativ dazu, dass ich ständig Interesse für das Neue einer Situation habe, fasziniert bin für die Möglichkeiten, die sich gerade jetzt ergeben. Alte Gefühle und Reaktionsmuster sind dann fast nur noch Signalgeber, um zu bemerken dass ich gerade nicht mehr interessiert und lebendig bin – ein Aufruf zur Präsenz, zum Schauen mit neuen Augen und der Wiederaufnahme des gemeinsamen Forschens und Entwickelns.