Tipps & Tricks Nr. 44 – Kann Stillstand Entwicklung sein?

Jemand stellt folgende Frage:

„Seit der letzten Focusing-Sitzung erlebe ich eine Art inneren Stillstand. Es ist so, als ob ein innerer Antreiber einfach aufgehört hat, mich anzutreiben. Für mich ist das sehr ungewohnt. Ist das eine gute Entwicklung?“

Vielen Dank für diese Frage. Etwas hat sich grundlegend geändert und es ist ein ungewohnter, innerer Stillstand entstanden. Wie ist dies einzuordnen?

Stillstand als Entwicklung

Aus meiner Sicht ist der Stillstand, den Sie beschreiben, eine deutliche Entwicklung. Eine bestimmte Dynamik, die Sie lange im Griff gehalten hat, ist von Ihnen abgefallen. Sie nehmen dies erst einmal als Stillstand wahr: Das ständige Antreiben und die Reaktion en darauf sind endlich versiegt. Herzlichen Glückwunsch also zu dieser Entwicklung, die für Sie persönlich ungewohnt und durchaus typisch für das Focusing ist.

Antreiben und angetrieben werden

Wenn Sie noch ein wenig an diesem Thema bleiben möchten, gebe ich Ihnen noch eine Anregung mit auf den Weg: Sobald Sie sich mit einem Aspekt eines Themas anfangen zu befassen, verändern Sie dadurch – durch Akzeptanz und offenes Interesse – den gesamten Komplex. 

Im Focusing würde ich Ihnen generell NICHT dazu raten etwas in Ihnen als „den inneren Antreiber“ zu bezeichnen. Dies impliziert, dass Sie den inneren Antreiber irgendwie beruhigen, vom Gegenteil überzeugen oder in die Wüste schicken könnten. Außerdem impliziert es, dass es einen separaten „inneren Antreiber“ gibt. Dies stimmt aber nicht. Vielmehr ist es eine Dynamik aus verschiedenen Prozessen, von denen es normalerweise mindestens zwei gibt:

  • Ein Prozess, der IM MOMENT antreibt
  • Ein Prozess, der IM MOMENT auf das Antreiben reagiert (z.B. sich antreiben lassen oder sich dagegen wehren)

Das „Problem“ liegt nicht in einem separaten „Antreiber“, sondern in den gegenseitigen Interessen und Richtungen verschiedener Anteile in Ihnen. All diese Anteile und Richtungen in Ihnen haben eine Intention: Ihnen zu helfen, mit einer schwierigen Situation besser umgehen zu können.

Stillstand - was Prozesse gerne mögen

In Ihren Focusing-Sitzungen haben Sie dies offensichtlich schon beherzigt, denn Sie erleben eine deutliche Veränderung - Stillstand:

  • Ein Prozess, der IM MOMENT still steht
  • Ein Prozess, der IM MOMENT AUCH still steht

Prozesse dieser Art lieben es meiner Erfahrung nach, endlich einmal still zu stehen. Sie genießen, dass es auch anders geht und vergessen ihre normale Routine. Sie schauen dann auf Sie als Person und sagen sich: „Das ist ja wunderbar, wie gut sie auf einmal zuhört. Wie sie auf einmal für uns alle da ist.“

Meine Erfahrung ist es aber auch, dass antreibenden Prozesse (und deren Gegenbewegungen) bei entsprechender Lage wieder anspringen. Sie können dann diese erste gute Erfahrung nutzen, um sich schneller im Klaren zu sein, was eigentlich gebraucht wird.