Tipps & Tricks Nr. 39 – Wie kann ich ein langwieriges Symptom besser verstehen?

Jemand stellt folgende Frage:

„Ich habe ein ziemlich langwieriges Symptom, das ich – nachdem ich es ärztlich abgeklärt habe – besser verstehen möchte. Ich kann es schon gut im Focusing beschreiben, mir fehlt allerdings ein weitergehender Zugang: Wenn ich ES im tiefen Kontakt direkt nach DESSEN Perspektive frage, dann komme ich zu keinem Ergebnis. Mir ist auch überhaupt nicht klar, wozu dieser Schritt dient und wie ich damit arbeiten kann. Ich habe es schwer, mich überhaupt längere Zeit auf diesen Inner Relationship Focusing-Schritt zu konzentrieren. Haben Sie dazu vielleicht eine hilfreiche Hinweise?“

Vielen Dank für diese Frage. Sie beschreiben, wie schwierig der Perspektivenwechsel sein kann, der so charakteristisch für das Focusing ist. Sie möchten ja (wie so viele von uns) mehr über ein anhaltendes Problem verstehen – und deshalb ist es essentiell, das Problem tatsächlich aus DESSEN Perspektive zu verstehen.

Ein müheloser Perspektivenwechsel

Nehmen wir erst einmal ein einfaches Beispiel. Sie sind zum Beispiel traurig. Mit etwas Focusing-Erfahrung können Sie dann eine andere Beziehung zu diesem Erleben herstellen. Sie können „etwas in Ihnen“ beschreiben, das „im Moment traurig ist“. Wenn Sie sich dann diesem körperlich spürbaren Zustand (dem Felt Sense) innerlich zuwenden und damit in annehmender Art und Weise Zeit verbringen, dann passiert es oft, dass ES sich differenzierter zeigt. ES teilt Ihnen vielleicht mit, dass es sich seit Jahren von Ihnen missachtet, bewertet oder als „Problem“ abgetan fühlt. Es zeigt Ihnen vielleicht, dass es deshalb erschöpft und zurückgezogen ist. 

Diese Perspektive wäre dann wahrscheinlich neu für Sie. Das, was ES Ihnen zeigt, war nicht Ihre Perspektive. Sie selbst haben nur wahrgenommen, dass Sie traurig waren (und Sie wollten die Traurigkeit vielleicht schnell wieder loswerden und am besten nicht soviel darauf achten). Der Perspektivenwechsel, der in diesem Fall leicht und mühelos gelang, hat Ihre Sichtweise des ganzen „chronischen“ Problems erweitert. Sie haben einen anderen, tieferen Kontakt mit sich selbst; und Sie verstehen, worum es eigentlich geht.

Wenn der Perspektivenwechsel nicht gelingt

Was aber ist zu tun, wenn der Perspektivenwechsel nicht gelingt? Sie schreiben ja, dass Ihnen nicht klar ist, wozu dieser Schritt dient. Vielleicht also zuerst einmal dies: Wie Sie in dem Beispiel oben sehen können, brauche ich einen Perspektivenwechsel, um mich anders auf meine Erleben beziehen zu können.

Denn wenn ich mein Erleben schnell als [___was auch immer___] identifiziere, dann liegt eine entsprechende Verhaltensweise nahe; zum Beispiel wegschauen, ignorieren, reparieren, optimieren, gut zureden, bewerten, analysieren.

Im Focusing lernen Sie dagegen eine einzige, neue Verhaltensweise, die daraus besteht sich zuzuwenden, zuzuhören, es sich formen und ausdrücken zu lassen. Nur dadurch kann sich ein bisher unverstandenes (weil vorschnell etikettiertes) Geschehen Zeit nehmen, sich zu formen, auszudifferenzieren und zu verändern.

Was erlaubt es Ihnen, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören?

Gerade heute habe ich eine interessante Begebenheit von einer Klientin gehört, die sich im Focusing mit einer länger anhaltenden Augenentzündung auseinandersetzt. Sie hatte genau das Problem, welches Sie beschreiben: Der Perspektivenwechsel gelang nicht. Sie hatte keinen Zugang dazu, was all dies eigentlich in Ihrem Leben bedeutete. 

In einer Focusing-Sitzung entstand dann das überraschende Bild, dass es nicht sie selbst, sondern ein kleines Kind ist, das die Augenentzündung hat. Das Kind hat diese Schmerzen und versteht nicht, was passiert. Jetzt auf einmal, mit Hilfe dieses „Bildes“, war es meiner Klientin möglich, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören. 

Dem Felt Sense zuhören

Mit dem Felt Sense in Form des kleinen Kindes erlebte sie plötzlich eine unermüdliche Geduld, Mitgefühl und die Möglichkeit, mit ALL DEM einfach zu sein. Sie erzählte mir, wie sie auf einmal stundenlang bei dem Kind aushalten konnte und wirklich interessiert war zu hören, wie es für es ist.

Der Perspektivenwechsel gelang; das Kind schilderte und erzählte frei, was es bewegte. Diese Sitzung war so bewegend und bedeutsam, dass danach der Entschluss stand, die freiberufliche Arbeit für zwei Monate auszusetzen und sich neu zu orientieren. Das Kind wusste so viel über die Erschöpfung und andere wichtige Details im Körper zu berichten – und all dies war so bedeutungsvoll -, dass es ein fundamentales Verstehen für die Bedeutung der Symptome gab.

Ohne den Perspektivenwechsel wäre dies nicht möglich gewesen. Es ist ein essentieller Schritt, den Felt Sense als lebendiges Gegenüber im Dialog zu erleben. 

Mein Vorschlag an Sie lautet also:

  • Zeit nehmen und Zuhören. Nehmen Sie sich Zeit, ein Bild entstehen zu lassen, das Ihnen hilft, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören. Bei was/wem fällt es Ihnen leicht, zuzuhören?
  • Geduld, Mitgefühl, Interesse. Nehmen Sie sich Zeit, ein Bild entstehen zu lassen, durch das Ihr Mitgefühl und Ihr Interesse, mehr zu verstehen, angeregt oder verstärkt wird. Bei was/wem haben Sie Geduld, Mitgefühl und Interesse, mehr zu verstehen?