Tipps & Tricks Nr. 29 – Kann ich Focusing in schwierigen Beziehungen nutzen?

Jemand stellt folgende Frage:

„Durch Focusing ist mir bewusst geworden, dass ich auch Menschen, die mir nicht so liegen, 'innerlich begrüßen' und sie 'sein lassen kann' - wie eben 'etwas in mir'. Wenn ich diesen Fokus verliere, könnte es hingegen sein, dass die Beziehung nicht mehr offen ist, sondern entweder in Ablehnung mündet oder in unerfüllte Erwartung. Wie kann ich in solchen zwischenmenschlichen Situationen Focusing nutzen?“

Vielen Dank für diese Frage. Focusing hat in solchen zwischenmenschlichen Situationen unterstützende oder klärende Wirkung, wenn Sie das tun was Sie im Focusing-Unterricht gelernt haben: Bei sich zu bleiben; denn „hier“ entscheidet sich, was Ihnen eine andere Person bedeutet und welche Möglichkeiten in der Beziehung da sind.

Bei sich bleiben und die eigene Position finden

Ich stimme Ihnen zu, dass das Sein-lassen eine Beziehung lebendig hält. Eine andere Person so sein lassen zu können, wie sie ist, folgt aus Ihrer Fähigkeit, hauptsächlich bei sich selbst bleiben zu können. Sie können dann, wie Sie es ja auch beschreiben, innerlich in Kontakt mit den verschiedenen Seiten treten, die Sie für diese Person empfinden bzw. was überhaupt (als nächstes) möglich sein könnte. Sie erleben dann unterschiedliche (oft widerstreitende) Aspekte, die vielleicht einerseits offen und interessiert bzw. andererseits verschlossen und ablehnend sind.

Solange Sie innerlich freundlich und offen mit sich selbst bleiben können, solange wird die Beziehung zu diesem Mensch von Interesse und Freundlichkeit geprägt sein. Aber Vorsicht: Das Ziel von Focusing ist es nicht, für alles offen zu sein oder jegliches Verhalten zu akzeptieren – oder sich mithilfe von Focusing dazu zu bringen. Vielmehr dient Focusing dazu, beispielsweise die eigene Position gegenüber einem bestimmten Verhalten zu finden und klar zu machen. Je weiter Sie selbst in eigenen, alten Reaktionsmustern gefangen sind, desto sorgfältiger muss diese Klärung natürlich sein.

Grenzen setzen

So ist das Setzen von guten Grenzen eine wichtige Herausforderung für viele Menschen, mit denen ich bisher gearbeitet habe. Eine gute Grenze bedeutet für mich, dass Sie Ihre Grenze klar artikulieren können ohne den Zwang zu empfinden, die Person selbst schlecht zu machen. Soll heißen: Sie lehnen die Person nicht ab, nur weil Sie eine klare Grenze ziehen. 

Grenzen verändern sich. Sie sollten deshalb keine unrealistisch hohen Ansprüche an sich selbst stellen („Alles aushalten können“, „Immer offen bleiben können“, „Nie ablehnend sein“ …). Im Focusing können Sie Ihre Grenzen klar sehen; und dies sollte der Ausgangspunkt sein für alles weitere, also: „Im Moment bis hierhin und nicht weiter!“. Denn für Grenzen gilt dasselbe Prinzip von Veränderung: Nur wenn Sie annehmen können, wie es jetzt wirklich für Sie ist, kann echte Veränderung von innen entstehen.

Sie selbst entscheiden

Zusammenfassend würde ich sagen: Zu zwischenmenschlichen Dingen können Sie immer Ihre eigenen Teile konsultieren. Nehmen Sie sich Zeit dafür, im Focusing. Es ist hilfreich, bei sich zu bleiben, von sich zu sprechen, sich selbst sichtbar zu machen – mit Offenheit und Abgrenzung. Sie können nicht nur einen dieser beiden Aspekte haben; beide gehören zusammen. Nachdem Sie die einzelnen Aspekte gehört haben, müssen Sie allerdings selbst eine Entscheidung treffen, welchen Anteilen Sie eine Stimme geben möchte, und was Ihnen wichtig ist.