Tipps & Tricks Nr. 28 – Ich möchte interessant und höflich wirken

In einem Einsteigerpaket kommt folgende Frage auf:

„Im Focusing habe ich öfters das Gefühl, meiner Begleitung zeigen zu müssen, dass ich vorwärtskomme und dass wirklich etwas passiert. Manchmal fühlt es sich auch unhöflich an, wenn ich nur bei mir bleibe. Es ist dann schwierig für mich, einfach still innezuhalten bzw. aktiv und offen zu warten, was in mir entsteht. Gibt es Wege, wie ich das einfacher hinbekommen kann?“

Vielen Dank für diese Frage. Diese und ähnliche Fragen entstehen oft, wenn man Focusing anfängt zu erlernen; und es ist hilfreich, dies auch sofort zu thematisieren und nicht erst nach einem oder zwei Jahren der Praxis.

Produzieren

Der Kern ist das Produzieren von [was auch immer] für jemand Anderen: Etwas interessantes beitragen wollen; Erklären oder rechtfertigen, warum etwas so ist wie es ist; Höflich sein wollen; Nicht langweilig sein wollen; Zeigen, dass sich etwas tut; Im Gespräch sein und kompetent über etwas sprechen ... 

Innehalten

Im Focusing fordern Sie sich, ganz im Gegenteil dazu, im Innehalten, Spüren, bei-sich-bleiben. Ich schreibe „fordern“, weil Sie dies normalerweise so ja nicht tun; und wenn Sie dann anfangen, Focusing zu üben, erscheint das Innehalten und bei-sich-bleiben vielleicht unhöflich oder langweilig für die Begleitung. Ich habe auch schon erlebt, dass jemand es „kindisch“ fand, ersteinmal nur bei sich zu bleiben und von der Begleitung reflektiert zu werden. 

Diese Reaktionen auf das Innehalten können hilfreiche Hinweisgeber sein. Sie weisen mich darauf hin, nach welcher Idee ich im Alltag meistens lebe. Oft ist damit Druck verbunden ist („Das ist unhöflich, benimm dich mal!“, „Jetzt sag doch mal was!“). Andererseits kann es auch sein, dass es einfach nur ungewohnt ist („Huch, so habe ich mich ja noch nie verhalten!“)        

Das Gegenüber

Sie sind ja an der tiefen Selbstreflexion interessiert, die durch Focusing ermöglicht wird. Es gibt wahrscheinilich viele Aspekte, die Sie an dieser Praxis genießen; zum Beispiel die Ruhe, das respektvolle und genaue Formulieren; oder die Klarheit, die entsteht.

Das Ungewohnte daran erleben Sie jedoch als eine Art Druck, demonstrieren zu müssen dass Sie vorwärtskommen. Es ist, also ob etwas in Ihnen fordert, Ihrem Gegenüber eine angenommene Last abzunehmen – vielleicht ist da die Sorge, was die andere Person denkt, oder dass sie sich langweilt. Diese Annahmen über andere Menschen sind spannend, denn sie beherrschen vielleicht auch das eigene Verhalten im Alltag.       

Im Focusing hat das Gegenüber eine klare Aufgabe. Es geht darum, Raum zu geben für den Prozess der Focuserin; durch Zuhören, Reflektion, sparsame Einladungen oder Erinnerungen – und nicht zuletzt dadurch, bei sich selbst zu bleiben: Auch wenn meine Begleitung sich also langweilen sollte, so wäre es ihre Aufgabe, sich diesem Gefühl selbst zuzuwenden. 

Erlaubnis, innezuhalten

Meine Empfehlungen zu Ihrer Frage sind daher:

 

  1. Sprechen Sie das Gefühl, etwas demonstrieren oder produzieren zu müssen, offen in Ihrem Focusing an. Beschäftigen Sie sich damit, anstatt davon bestimmt zu werden. Laden Sie ein, was immer dazu in Ihnen auftauchen möchte. Untersuchen Sie es freundlich und interessiert; und nehmen Sie sich Zeit dafür.
  2. Holen Sie sich eine offizielle Erlaubnis, innezuhalten und nichts produzieren zu müssen. Manchmal ist es gut, wenn Sie auf die Frage 3 im IR Focusing-Leitfaden hin beschreiben, dass Sie in der heutigen Sitzung nichts „für jemand anderen“ produzieren möchten; dass eventuell lange Pausen entstehen werden und dass das völlig in Ordnung ist. Sprechen Sie kurz mit Ihrer Begleitung darüber und holen Sie sich eine „offizielle“ Erlaubnis.
  3. Formulieren Sie die unausgesprochene Regel um. Wenn Sie normalerweise das Gefühl haben, dass Sie Ihr Vorwärtskommen ständig beweisen müssen, dann probieren Sie aus, möglichst lange an einer Stelle zu bleiben. Sie können dies auch „offiziell“ auf die Frage Nummer 3 des Leitfadens antworten, um dies auch laut und deutlich kundgetan zu haben: „Ich möchte heute üben, möglichst wenig voranzukommen und lange an einzelnen Stellen verweilen.“