Tipps & Tricks Nr. 21 – Kann Focusing meine Meditation leichter machen?

Jemand hat eine Frage zu Meditation und Focusing:

„Ich möchte gerne regelmässig meditieren und schaffe es nicht. Insbesondere der Anfang einer Meditation fällt mir schwer, aber auch wenn störende Gedanken oder Gefühle während der Meditation auftauchen. Ich empfinde dann Druck, es richtig oder gut machen zu müssen; und oft breche ich ab. Ich frage mich, ob Focusing mir bei meiner Meditation helfen kann?“

Vielen Dank für diese Frage. Aus meiner Sicht können sich Focusing und Meditation gegenseitig bereichern und unterstützen. So ist es zum Beispel in meinen Kursen überdeutlich, dass Menschen mit einer funktionierenden Meditationspraxis einen leichten Zugang zum Focusing finden. Meditation scheint eine Haltung zu schulen, die die Präsenz im Focusing unterstützt.

Sie beschreiben, dass Ihre Meditationspraxis im Moment nicht richtig in Gang kommt. Aus meiner Erfahrung ist es in solch einem Fall interessant, einmal hinter die Kulissen zu schauen und sich zu fragen: Was bedeutet „Meditation“ eigentlich für mich? Und: Übe ich „Meditation“ aus einer bestimmten Absicht heraus?

Was bedeutet „Meditation“ eigentlich für mich?

Die erste Frage zu der Bedeutung von Meditation schaue ich zusammen mit meinen Klienten gerne aus folgender Perspektive an: Ist Focusing während einer Meditation erlaubt oder nicht? Aus meiner Sicht hat Focusing etwas sehr Interessantes beizutragen; denn wenn ich Focusing als eine von mir separate Methode betrachte, dann kommt diese Methode vielleicht in einen Konflikt mit einer anderen Methode. Ich erlebe dann Konflikte und Dramen um Ausschluß und Abgrenzung.

Verstehe ich Focusing aber einfach als einen Prozess, dann löst „Focusing“ sich in dem, was ich tue, auf wie Zucker (oder Salz) in Wasser. Ich bin einfach nur mit dem verbunden, was da ist. Es ist dann unerheblich, ob ich einem aufgewühlten, emotionalen Felt Sense gegenüberstehe, einen Zustand voller Liebe betrachte oder sich Ruhe und Stille ausbreitet. Die eigentliche Zentrierung liegt dann in der präsenten Person, die alles was auftaucht freundlich und interessiert betrachten kann. Dies zu können ist ein mittelfristiges Ziel des Focusing-Trainings.

Übe ich „Meditation“ aus einer bestimmten Absicht heraus?

Diese Frage nach der Absicht beleuchtet dies nocheinmal aus anderer Perspektive. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit jemandem aus dem Focusing-Unterricht; sie sagte, dass Sie sich selbst immer versucht habe „tot zu meditieren“. Ähnliche „Absichten“ höre ich öfters in Gesprächen über Meditation; es geht dann immer um die Schaffung eines anderen, idealen oder störungsfreien Zustandes ohne Annahme dessen, was ist.

Aus der Perspektive eine Focusing-Lehrers kann ich sagen: Ich habe schon mit einigen Menschen gearbeitet, die zusätzlich zu den Instruktionen der jeweiligen Meditation noch weitere Informationen und Übungen aus dem Focusing brauchten, um mit der eigentlichen Praxis weiterzukommen; und zwar die Erfahrung, dass die präsente Person dieser ersehnte, ruhige Raum schon ist:

Wenn ich die Herausforderung der Meditation nicht „dort“ in den störenden Gedanken sehen, sondern „hier bei mir“, dann verstehe ich dass es um inneres Handeln geht: Wie kann ich mit egal was in mir auftaucht, in einem freundlichen und interessierten Kontakt sein? (Anstatt: „Wieso hören diese Gedanken nicht auf? Ruhe! Ich will jetzt meditieren.“) Dies geht natürlich nur, wenn alles da sein darf und ich keine „hidden agenda“ habe, keine weiteren Absichten; diese weiteren Absichten herauszufinden sowie die bedingunglose Kontaktaufnahme zu erlernen ist eine Stärke von Focusing.

Der Umgang mit „Störungen“ als Beispiel

Der Umgang mit „Störungen“ ist in der Meditation wichtig und kann dazu führen, wie Sie ja auch beschreiben, dass Sie die Meditation abbrechen oder gar nicht erst aufnehmen. Außerdem möchten Sie ja nicht der Spielball von auftauchenden Impulsen sein, sondern am Thema bleiben. Dasselbe gilt fürs Focusing. Sie möchten an einem Thema arbeiten und nicht an zwanzig auf einmal. 

Das „Thema“ beispielsweise einer Herzensmeditation in der christlichen Tradition kann also sein, Liebe im Herzen zu entfachen und zu erfahren. Das „Thema“ einer Achtsamkeitmeditation kann sein, dass Sie in einen stillen Raum gelangen, der Ihnen eine unmittelbare Erfahrung (bare attention) ermöglicht.

Sie fokussieren dann auf das jeweilige „Thema“ Ihrer Meditation; und natürlich wird es zu „Störungen“ kommen. Wenn Sie jetzt freundlich-interessiert Kontakt mit diesen aufnehmen können (Focusing), dann werden aus „Störungen“ Prozesse. Und diese Prozesse sind Teil Ihrer Bemühungen und des „eigentlichen“ Themas der Meditation. Weder Meditation noch Focusing sind dann von Ihnen separate Methoden, sondern Prozess; und was immer in Ihnen (in der Meditation) auftaucht kann sich in der Freundlichkeit und Stille von Präsenz (Focusing) spiegeln. Sie erkennen, wie beide „Methoden“ auf den eigentlichen Prozess deuten. Sie verstehen, dass Sie nichts verändern müssen, sondern freundlich und offen das wahrnehmen können, was ist.