Tipps & Tricks Nr. 20 – Ich verliere mich leicht in stressigen Interaktionen

Jemand schildert folgendes Anliegen:

„In meiner Arbeit erlebe ich jeden Tag stressige Interaktionen mit Jugendlichen. In diesen Situationen verliere ich den Kontakt zu meinem Körper und schwanke zwischen Gefühlen von Hilflosigkeit und dem Wunsch, mich durchzusetzen. Wie kann Focusing mir in diesen Situationen helfen?“

Vielen Dank für diese Frage. Ich denke, dass Sie schon auf der richtigen Spur zur Beantwortung Ihrer Frage sind: Sie schreiben ja, dass Sie in diesen Situationen einen guten Kontakt zu Ihrem Körper vermissen. Stattdessen, und das kennen Sie sicherlich auch aus Focusing-Einzelsitzungen, schwanken Sie zwischen zwei Zuständen, der Hilflosigkeit und dem Wunsch sich durchzusetzen. 

Präsenz ist im Körper verankert

Sie beschreiben damit ein Phänomen, das wir wohl alle kennen: Ich kann viel über mein Inneres und über Präsenz wissen - und dennoch Schwierigkeiten haben, gegenwärtig (in Präsenz) zu sein. Das Wissen um Präsenz erzeugt nicht gleichzeitig ein Gefühl von Ruhe und Stabilität; genau wie das reine Fühlen von Gefühlen nicht dazu führt, einen guten Kontakt und Umgang mit diesen Gefühlen zu finden – wie es ja ein Ziel von Focusing ist.

Wo ist Ihre Aufmerksamkeit?

Um in einen guten Kontakt mit sich selbst zu kommen, können Sie Ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst richten. Dies ist meist ersteinmal der Körper und die eigene Atmung. Wenn die Aufmerksamkeit zu einem guten Teil hier ruht, wird Focusing möglich. Wenn Ihre Aufmerksamkeit allerdings hauptsächlich „draußen“ bei Ihrem Gegenüber ist, so verlieren Sie sich selbst. 

Eine Übung 

Worauf ist Ihre Aufmerksamkeit also typischerweise gerichtet? Viele Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, finden folgende einfache Übung hilfreich. Sie dient dazu, sich in einer wiederkehrenden stressigen Situation besser zu verstehen und verändern zu können.

Nehmen Sie sich ein Blatt Papier und zeichnen Sie eine Tabelle mit zwei Spalten. Die linke Spalte nennen Sie „Innen“ und die zweite Spalte nennen Sie „Außen“. Tragen Sie nun für verschiedene Situationen im Laufe des Tages ein, wieviel Prozent Ihrer Aufmerksamkeit Innen bzw. Außen ist.

Das Erkennen der eigenen Muster

Typischerweise berichten Teilnehmerinnen an dieser Übung, dass ihre Aufmerksamkeit in stressigen Situationen auf 20% Innen und 80% Außen verteilt ist. Das Erkennen Ihrer eigenen Muster hat oft zur Folge, dass Sie dieses Muster in zukünftigen Situationen beeinflussen können. Sie bemerken dann nicht nur, dass Sie den Kontakt zu Ihrem Körper verlieren, sondern wie Sie dies tatsächlich machen: Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit dauerhaft weit nach „Außen“ bringen. Erkennen Sie dieses Tun, so können Sie in der Situation selbst wieder anders handeln und Ihre Aufmerksamkeit mehr zu sich bringen. Dies ist natürlich ein langsamer, gradueller Prozess – und wenn Sie von sich sagen können, dass Ihre Aufmerksamkeit 40% Innen und 60% Außen ist, dann haben Sie viel erreicht.

Andere Aspekte der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit

Es gibt natürlich noch viele andere Aspekte Ihrer Aufmerksamkeit, die in Interaktionen wichtig sind, z.B. wie fokussiert oder weit, oder wie systematisch oder frei Sie diese benutzen. Sich hiermit auseinanderzusetzen ist Inhalt des Vertiefungspakets. Auch die einfache Erinnerung an Achtsamkeit und Gewahrsein, z.B. durch vorher festgelegte Signale, spielt bei einer planvollen Veränderung in diesem Sinne eine wichtige Rolle.

Emotionale Reaktionsmuster

Für Ihre formalen Focusing-Sitzungen bietet es sich außerdem an, die emotionalen Themen in diesen Interaktionen genauer anzuschauen und ernstzunehmen. Oft ist es ja so, dass meine emotionale Reaktion ersteinmal bestimmt, wie sich meine Aufmerksamkeit verteilt. So sind Flucht und Angriff oft sehr schnelle, automatische Reaktionen. Innehalten dagegen ist eine Reaktion, die ich aufbieten kann, wenn ich mich schon etwas gefestigter und in mir ruhender fühle.