Tipps & Tricks Nr. 2 – Kann ich mir selbst überhaupt noch vertrauen, wenn ich schon falsche Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe?

„Nach einer Trennung von meiner langjährigen Freundin stehe ichgefühlsmässig vor dem Nichts. Ich versuche damit ins Focusing zu gehen und frage mich, ob ich mir selbst überhaupt noch vertrauen kann. Wie kann ich dem vertrauen was im Focusing auftaucht, wenn ich doch schon so viele falsche Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe?“

Vielen Dank für diese Frage, denn ohne Vertrauen kann Focusing überhaupt gar nicht stattfinden.

Ich finde es ganz verständlich, dass sich nach einem Beziehungsabbruch etwas nicht mehr passend anfühlt, vielleicht wie eine verpasste Chance, eine tiefe Leere, Nichts oder eine Wand. Diese Empfindungen selbst brauchen natürlich Raum, um einfach dasein zu dürfen; eine gute Gelegenheit für regelmäßige Focusing-Partnerübungen.

Richtig und Falsch

Wie auch immer es sich allerdings anfühlt – es gibt ja auch Abbrüche, die erleichternd sind – zeigt sich hier noch etwas in Ihnen, das generell alle bisherigen Entscheidungen als Fehler bezeichnet („so viele falsche Entscheidungen“). Und hier liegt der Hase im Pfeffer, denn Focusing dient nicht dazu, „die richtige“ oder eine „für immer gültige“ Entscheidung zu finden.

Vielmehr funktioniert es andersherum: Vertrauen entsteht dadurch, dass ich bereit bin alle möglichen Erfahrungen in mir dasein zu lassen und mit mir als (nicht nur mit Schönem und Perfektem) erfüllter Mensch zu leben. Stolpersteine und Lernprozesse inbegriffen.

Wenn ich zum Beispiel innerhalb einer Beziehung jahrelang nur eine bestimmte, vielleicht erwünschte Seite von mir zulassen konnte, so wird die Verwirrung groß sein sobald auch andere Seiten auftauchen. Wer bin ich dann? Was will ich jetzt?

Versuche ich diesen Fragen mit perfekten Antworten gegenüber zu treten ("glücklich für immer" ;), so bleibe ich in den alten Kategorien was "richtig" und "fehlerhaft" ist - und habe dabei wenig Kontakt zu mir selbst. 

Vertrauen braucht Zeit

Vertrauen aufzubauen braucht Zeit. Dies beruht auf Gegenseitigkeit; denn wie Sie vielleicht feststellen können ist das Gefühl von Vertrauensverlust auch dadurch entstanden, dass eine ganze Menge eigener Anteile bisher einfach nicht vorkommen durften. Seien es wütende, traurige, selbstbestimmte, freudige, ... durch die Erfahrung der Trennung und Verwirrung gibt es die Chance, diese vielleicht erstmals wieder kennenzulernen und in zukünftige Entscheidungen miteinzubeziehen.

Keiner dieser Anteil hat die perfekten Antworten, aber Sie selbst brauchen diese Anteile um ein erfülltes Leben zu führen.