Tipps & Tricks Nr. 19 – Wer übernimmt diese Aufgabe?

In einer Focusing-Sitzung geht es um folgendes Thema:

„Wir arbeiten zusammen als Team und es geht um die Entscheidung, wer von uns eine einwöchige Geschäftsreise unternimmt. Solch eine Reise ist anstrengend und ich befürchte, dass sich keiner von uns dafür melden wird. Wenn ich an diese Entscheidung denke, dann weiss ich überhaupt nicht, was ich machen soll.“

Dieses Focusing fand in einem  Vertiefungspaket statt. Wir beschäftigten uns im ersten Schritt damit, wie wir eine direkte Erfahrung zu dem Kern des vorgestellten Themas einladen können. 

Meine eigene Wahrheit finden

Es hat sich als hilfreich herausgestellt, in diesem Fall zuerst einmal einen Felt Sense dazu einzuladen, wie sich diese Entscheidung hier und jetzt im Körper anfühlt; und zwar so, also ob ich diese Entscheidung ausschliesslich für mich betrachte („Wie ist dies eigentlich hier und jetzt, nur für mich?“). Dieser Schritt führt dazu, dass ich als erstes meine eigene Wahrheit in diesem Moment finden kann. Wie geht es mir damit? Wie würde ich, unabhängig von anderen Faktoren, entscheiden? Was ist mein ehrliches Gefühl dazu?

Alte Muster aushalten

Natürlich kann solch eine Fragestellung andere Aspekte provozieren, die sich dann mit „Sei doch nicht so egoistisch!“ oder „Du kannst nicht immer nur das machen, woran du Spaß hast.“ äußern. Diese Aspekte fühlten sich im konkreten Fall wie relativ substanzlose Stimmen an. Bei weiterem Nachspüren kam die Sorge auf, nur noch passiv und ohne Engagement zu leben. Es wurde schnell klar, dass diese Stimmen die Anzeichen eines Musters sind, „immer alles“ zu übernehmen. Es ist wichtig, diese Aspekte sehen zu können, sich aber nicht von Ihnen einfangen zu lassen.

Was findet im Körper statt?

Die eigentliche Resonanz, spürbar im Körper, fand leicht und fließend statt. Zuerst war nur der Atem spürbar und „sonst nichts“. Bei weiterem Wahrnehmen des Atems zusammen mit der anstehenden Entscheidung wurde klar, wie überraschend ruhig der Atem war. Ein Wunsch konnte formuliert werden: „Endlich Raum zu haben, ruhig atmen zu können“. Dieser Raum war gleichzeitig schon da; er zeigte sich direkt und angenehm im Körper, wie dies so oft im Focusing vorkommt. Die eigene Entscheidung war glasklar: Die Reise nicht zu übernehmen.

Die Situation erweitern

Dann luden wir ein, die Situation im Nachspüren zu erweitern und die Kolleginnen und Kollegen mit einzubeziehen. Wie verändert sich dann mein Gefühl zu der anstehenden Entscheidung? Überraschenderweise gab es jetzt kaum eine Veränderung; es wurde klar: „Wenn ich aus diesem ruhigen Zustand heraus entscheide, dann übernehme ich Verantwortung. Die Ruhe und Klarheit bleibt. Die Entscheidung bleibt. Ich respektiere auch die Entscheidung der Anderen ohne Angst davor zu haben, dass alle Nein sagen“.

Abwesenheit erkennen und ummünzen

Insbesondere eine Qualität liess uns aufhorchen:  „Jetzt spüre ich die Abwesenheit von Groll, den ich sonst immer habe, wenn ich etwas übernehme obwohl ich es eigentlich nicht möchte.“ Das war eine angenehme Überraschung, ohne Groll zu leben.

„Und wie fühlt sich die Abwesenheit von Groll an?“ – wie ein glatter See, ruhig, nicht sturmgepeitscht. Echt, richtig, erwachsen. „Ich kann dann auch sehen, dass die anderen Erwachsen sind. Ich muss diese Entscheidung nicht für sie übernehmen.“ Und: „Ich möchte auch nicht ständig mit diesem Groll leben müssen, wenn ich etwas für andere übernehme, was im Moment überhaupt nicht passt.“

Eine neue Perspektive

Es wird auf einmal klar, dass die anstehende Geschäftsreise möglicherweise eine Überlastung für alle ist; dass eventuell alle Beteiligten in derselben Lage stecken. Damit ist das Problem befreit aus dem eigenen, alten Muster und den verdeckten Spielen. Die eigene Wahrheit ist (zumindestens für einen selbst) auf dem Tisch. Das Problem kann nun auf einer anderen Ebene gesehen werden und ein erster Ansatz für eine grundsätzlichere Lösung ist gefunden.

Außerdem ist der Weg frei, auch andere Fragestellungen von der eigenen Wahrheit her konstruktiv zu betrachten, z.B. welche Aufgaben interessieren mich? Wo liegt mein Engagement im Moment? Wo zieht es mich hin? Was möchte ich entwickeln?