Tipps & Tricks Nr. 18 – Wie schnell sich Wut in Liebe verwandeln kann

Seit ich von Deutschland nach Dänemark umgezogen bin, kenne ich eine Form der Wut, die anders ist. Stärker. Verzweifelter. Vielleicht hat sie damit zu tun, wie hilflos ich mich immer noch in manchen Situationen fühle; insbesondere dann, wenn es um Regeln geht, die ich nicht genau kenne – und hier insbesondere in den Bereichen Gesundheitssystem, Steuersystem und Sprache.

Radikale Handlungsoptionen

Und diese Woche war es mal wieder einmal so weit. Wut flammte in mir auf und die Gedanken kreisten um verschiedene radikale Handlungsoptionen – aus Dänemark wegziehen, aus Roskilde wegziehen etc.pp.  Ich unternahm einen langen Spaziergang und versuchte, mich innerlich zu sortieren und auch mit der Wut Zeit zu verbringen, sie näher kennenzulernen.

Begegnung mit einem Spielzeug

Nach dem Spaziergang und einiger Zeit der Reflektion und des Focusing fühlte ich mich wieder offener und konnte mich zu meinem Sohn begeben, der endlich wieder mit seinem Papa spielen wollte. Ich nahm eine seiner Spielfiguren in die Hand, Chi Worriz von Lego. Ich sah mir das Gesicht der Figur genau an und setze sie dann auf mein Bein, gefangen von dem Gesichtsausdruck.

Etwas im Aussen passt und wird lebendig gemacht

Es dauerte nicht einmal eine halbe Minute und ich merkte, wie dieses wutverzerrte Gesicht, diese gebleckten Zähne, die roten Augen passten – und zwar zu mir; zu dem, was so wütend war. Es war so, also ob diese Spielzeugfigur lebendig für mich wurde und mein Empfinden reflektierte. Außerdem war da diese Pose, in der ich die Figur auf mein Knie gesetzt hatte (siehe Foto). Dieses ruhige Sitzen mit übergeschlagenem Bein; wie eine Karikatur des zuhörenden Focusers, mit gezücktem Schwert in der einen und tödlichem Sägeblatt in der anderen Hand.

Resonanz

Nach einer Minute gab es eine starke Resonanz. Die Wut ebbte in kurzer Zeit vollständig ab und stattdessen entstand ein Gefühl von Liebe und Zugewandtheit. Dieser Prozess war deutlich wahrzunehmen, wie im Zeitraffer. Ich amüsierte mich darüber, wie die Figur einfach so dort saß, fortwährend sauer und angriffslustig; und dabei ruhig und geduldig sitzend. Als ob es das normalste von der Welt wäre, so dazusitzen. Gleichzeitig wurde mein Denken wieder klar; ich konnte sehen, wie es mir allgemein geht, was mich im Speziellen stört, und was ich tun kann um damit weiterzukommen.  

Ich lerne daraus, dass die Herstellung einer wirklichen Beziehung zu etwas in mir ungeahnte Wege gehen kann. Es geht darum, die Augen offen zu halten und wach zu sein für neue Möglichkeiten. Focusing findet nur zu einem kleinen Teil mit geschlossenen Augen sitzend statt.

Was bleibt

Immer wenn ich Chi Worriz jetzt im „Spielzeugarsenal“ meines Sohnes sehe, freue ich mich und fühle Verbundenheit und Akzeptanz. Ich habe diese Spielzeugfigur jetzt auch auf meinem Schreibtisch stehen und habe sie schon öfters mit Erfolg in meinem Unterricht eingesetzt. Die Leute lieben den Ausdruck der Wut, und viele können damit sofort in Resonanz gehen. Mit der Figur im Focusing zu arbeiten hat oft einen direkten, erleichternden Effekt und bringt Humor und Abstand in Themen wie Wut, Grenzen setzen, die eigene Kraft.