Tipps & Tricks Nr. 17 – Darf ich meine Gefühle nicht haben?

Jemand schildert folgendes Anliegen innerhalb eines Einsteigerpakets:

„Ich habe Schwierigkeiten mit der Präsenzsprache: „Ich spüre etwas in mir ...“. Für mich fühlt es sich so an, als ob ich dadurch einen Teil von mir abspalten oder kleiner machen soll; und das fühlt sich nicht richtig an. Ich mag deswegen auch nicht in Focusing-Tandems arbeiten. Für mich ist es dann so, als ob ich meine eigenen Gefühle nicht mehr haben darf. Dies führt bei mir dazu, dass ich meine Gefühle im Focusing nur schwer wahrnehmen kann; es erinnert mich zu sehr daran, wie ich aufgewachsen bin.“

Vielen Dank für diese Schilderung; gerade wenn Sie mit Focusing beginnen, kann es manchmal zu Missverständnissen kommen. Wenn Sie zum Beispiel anstatt „Ich bin traurig“ ausprobieren zu sagen „Ich spüre etwas in mir, das traurig ist“, dann schwingt für Sie in diesem Satz die Bedeutung „Ich darf dieses Gefühl nicht haben“ mit.

Sie schreiben, dass Sie sich dadurch an ähnliche Situationen aus Ihrer Kindheit erinnert fühlen. Vielleicht wurden Ihre Gefühle damals als störend empfunden, „weggetröstet“, lächerlich gemacht, rationalisiert oder einfach ignoriert.

Aus meiner Sicht ist es richtig, dass Sie diese Schwierigkeit direkt angehen und nicht einfach der vorgegebenen Struktur zu folgen versuchen. Denn Focusing ist eine Anleitung für innere Prozesse, und deshalb sollte diese Anleitung möglichst individuell angepasst sein. 

Das Prinzip der Präsenzsprache verstehen

Es ist gut möglich, dass die allgemein gebräuchliche Formulierung der Präsenzsprache nichts für Sie ist. Wichtig ist es im nächsten Schritt, sich das Prinzip der Präsenzsprache nocheinmal klar zu machen, um die Formulierungen ggfs. verändern zu können.

Präsenzsprache ist eine von vielen verschiedenen Varianten, sich selbst (oder jemand Anderes) daran zu erinnern, wie es ist in Präsenz zu sein: Freundlich, interessiert, offen, zuhörend, entspannt, ergebnisoffen. Damit wird eine Grundlage gelegt, um mit sich selbst in Kontakt kommen zu können.

Das Ziel von Präsenz verstehen

Das Ziel von Präsenz ist es, eine bewertungsfreie, tiefe Beziehung herstellen zu könen; um im Beispiel zu bleiben: Ich interessiere mich und bin da für „etwas in mir“, das im Moment traurig ist. 

Mit der Formulierung „Etwas in mir“ sage ich im Kern: „Ich weiss nicht, was dies alles beinhaltet und wohin es sich entwickeln möchte.“ Ausserdem schwingt darin mit: „Ich möchte es besser kennenlernen. Ich lausche weiter und höre, was es mir mitteilen möchte“.

Alternative Formulierungen: Schrittweiser Aufbau von Präsenz

Manchmal kann es hilfreich sein, Präsenzsprache schrittweise aufzubauen. So könnten Sie beispielsweise langsam und behutlich in drei Schritten vorgehen:

 

  1. „ICH bin im Moment so traurig...“
  2. „...und nehme wahr, wie sich DIES jetzt gerade im Körper anfühlt.“
  3. Warten/Spüren/Beschreiben: „Es ist ...“

Im ersten Schritt „ICH bin im Moment so traurig...“ machen Sie sich das Gefühl nocheinmal zu Eigen, um es dann im zweiten Schritt direkt anzuschauen und zu fühlen. Sie nehmen Kontakt auf, um es besser zu verstehen und es zu unterstützen. Im dritten Schritt fangen Sie an, Beschreibungen zu finden; dies kann alles beinhalten, was in Ihnen auftaucht.

Alternative Formulierung: Da

Es könnte in Ihrem Fall ausserdem helfen, einfach mit dem Wort „Da“ anzufangen: „Da ist eine grosse Traurigkeit in mir.“ Dies ist eine weitere Altervnative zu der Formulierung „Ich spüre etwas in mir ...“ – und es gibt sicherlich noch viele weitere.

Der Schlüssel ist immer – egal welche Formulierung Sie benutzen – in eine tiefere Beziehung zu kommen; und zwar nicht nur mit „dem Gefühl“, sondern wie sich dies jetzt gerade tatsächlich anfühlt, was es bedeutet und wie es sich weiterentwickeln möchte.