Tipps & Tricks Nr. 162 – Wie Probleme entstehen durchs Interpretieren

Unangenehme Gefühle oder Gedanken zu erleben lädt zu Interpretationen ein. Eine der grundlegendsten Interpretationen ist, dass das Erlebte „ein Problem“ ist; und weil es ein Problem ist, muss es „gelöst“, „losgelassen“ oder „verbessert“ werden. Wenn ich nicht achtgebe, vergesse ich dabei essentielle Schritte, ohne die mögliche Lösungen weniger wirksam sind.

Interpretationen wirken ungemein schnell. Deshalb fühlen Sie sich an wie die Wahrheit. Sie kennen dies vielleicht aus Konflikten, in denen Sie überzeugt davon sind, warum jemand etwas zu Ihnen gesagt hat („um mich zu verletzen“, „weil sie mich nicht ernst nimmt“, „weil er mich nicht mag“ etc). Interpretation sind kraftvolle Illusionen – und können bis hin zum Abbruch von wichtigen Beziehungen führen.

Von der Interpretation zur Bewertung

Bleibe ich bei der grundlegenden Interpretation „Problem“, so wäre der nächste automatische und unbewusste Schritt die negative Bewertung („das ist schlecht“, „das darf nicht sein“).

Diese negativen Bewertungen führen dazu, dass nichts so bleiben darf, wie es ist. Alles Erleben wird so nach „gut“ und „schlecht“ bzw. „böse“ sortiert.

Von der Bewertung zur Kontrolle

Schlussendlich folgt die Kontrolle, meiner Selbst (innere Kritiker aller Art) oder Anderer bzw. der Situation, zum Beispiel: Ich darf etwas nicht fühlen. Ich darf etwas von mir nicht zeigen. Ich muss die Beziehung zu jemandem abbrechen. Ich verlasse die Situation.

Aussteigen aus dem Zyklus Interpretation – Bewertung - Kontrolle

Anstatt direkt auf eine Interpretation hin zu handeln, ist es aus Sicht von Focusing essentiell, im Beschreiben bleiben zu können. Dies bedeutet, hinter die Interpretation zu schauen, die sich normalerweise blitzschnell vor meinen Augen aufbaut. Ich übe mich darin, nicht zu glauben „was“ es ist (z.B. ein Problem), sondern „wie“ es ist (z.B. drückend, ziehend, schmerzend, sehnsüchtig wartend …)

Interpretiert wird automatisch

Wichtig zu wissen: Interpretationen und alles Weitere entstehen weiterhin automatisch. Es geht nicht darum, dieses Phänomen abzustellen. Vielmehr geht es darum, sich dessen gewahr zu werden – und dadurch die Fähigkeit zu erlangen, weiter „da“ zu bleiben und zu beschreiben, auch wenn gleichzeitig interpretiert wird.

Taucht also etwas in mir auf, dass ein Erleben von mir als „Problem“ sieht, das „gelöst“, „losgelassen“ oder „verbessert“ werden muss – Achtung! Ist es mir stattdessen möglich, ein wenig länger wahrzunehmen, was da ist ohne es „Problem“ zu nennen? Kann ich zuerst offen und interessiert sein, das kennenzulernen, was hier und jetzt spürbar ist (auch wenn das im Alltag noch nicht möglich ist)? Ist es mir möglich, mir selbst zu begegnen?