Tipps & Tricks Nr. 158 – Welche Ihrer Gefühle sind eigentlich negativ?

Gefühle werden meist in positiv und negativ eingeteilt, einfach weil Gefühle unterschiedliche Funktionen haben, sich unterschiedlich anfühlen und unterschiedlich bewertet werden. So war Wut oder Hilflosigkeit in Ihrer Herkunftsfamilie oder Schule vielleicht nicht erwünscht und galt als „negativ“. Je nach Kontext kann das Etikett „negativ“ alle möglichen Gefühle betreffen und so erst recht zur Chronifizierung bestimmter Zustände beitragen.

Wie ist es zum Beispiel mit sexuellen Gefühlen, wenn Sie katholisch erzogen wurden; oder mit den Gefühlen, die auftreten, sobald Sie gut für sich sorgen und Ihre Grenzen deutlich machen – wenn Sie aus einer Familie kommen, bei der „Harmonie“ ganz oben stand, Konflikte unter den Teppich gekehrt wurden und alles andere als „Egoismus“ gebrandmarkt wurde?

Im Focusing stehe ich dann oft erstmal vor dem Nichts: Wenn ich in mich hineinhorche ist da nichts. Oder ich erlebe verwirrende Gefühle, weil das, was ich erlebe, ja in mir nicht erlaubt ist, verpönt ist, als gefährlich oder krank gilt. Am Anfang bin ich vielleicht selbst davon überzeugt, weil ich es bisher nicht anders kenne.

Über die Zeit setzt dann eine neue Erfahrung ein. Ich bemerke, dass es befreiend ist, alle Gefühle haben und kennenlernen zu dürfen. Ich erlebe, dass ich mir oft subtile Bewertungen zu eigen gemacht habe, die mir helfen, Gefühle zu unterdrücken und mich so vor ihnen scheinbar sicher zu fühlen. Ich bemerke, wie all die Vorstellungen und Bewertungen Anderer gegenüber meinen Gefühlen irgendwie im Laufe meiner Kindheit von mir übernommen wurden – und ich nun mein ärgster Kritiker bin.

Und ich lerne, dass kein Gefühl in mir diese negativen Bewertungen verdient hat. Ganz im Gegenteil: Wenn ich aufhöre, diese Gefühle durch die gewohnten Brillen zu betrachten, kann ich ganz andere und neue Seiten von mir wahrnehmen und leben.

Ich fange an zu sehen, dass es nicht „negative Gefühle“ gibt, sondern höchstens „negativ bewertete Gefühle“. Mir wird klar, dass die Gefühle, die scheinbar „negativ“ sind genau die sind, zu denen ich am wenigsten Kontakt habe – und die ich deshalb am wenigstens kenne.

Und wenn ich Glück habe, dann kann ich neugierig werden auf all die neuen und gegensätzlichen Aspekte in mir, die all diese verschiedenen Gefühle in sich tragen und all diese Lebendigkeit und Einmaligkeit.