Tipps & Tricks Nr. 155 – „Ist doch nicht so schlimm“ oder die Falle der ständigen Anpassung

In vielen Focusing-Sitzungen, denen ich zuhören darf, taucht an einem bestimmten Punkt die Erfahrung auf, ignoriert worden zu sein; nicht von jemand anderem, sondern von sich selbst – in unzähligen, kleinen Situationen des Alltags. Es ist die Erfahrung, zu meinen anders sein zu müssen als man ist, um dazuzugehören, gemocht zu werden oder um erfolgreich zu sein.

Die Erfahrung aus den Focusing-Sitzung zeigt auch, dass jedes Mal, wenn eine Stimme in mir übergangen wird, eine Art Verletzung und Verrat passiert. Verinnerlicht wurden Sätze wie …

  • „Das ist doch nicht so schlimm“
  • „Stell dich nicht so an“
  • „Das ist doch kindisch“
  • „Sei still“
  • „Hör auf“

Die Gewöhnung an diese Sätze kann so stark sein, dass sie am Anfang einer Serie von Sitzungen nicht sichtbar werden. Stattdessen erscheint oft erst das Gefühl, nichts spüren zu können, die eigene Stimme nicht finden zu können; oder Opfer einer inneren Blockade oder Verstimmung zu sein, gegen die es anzukämpfen gilt. 

Anpassung und Verrat

Stattdessen ist es hilfreich, sich einerseits den Teilen in sich zu stellen, die die völlige Anpassung fordern und dann vor allem den Teilen, die dadurch ständig übergangen und verraten werden.

Anpassung fordern Teile ins uns, wenn es darum geht, verletzende Erfahrungen zu verhindern, z.B. ausgelacht und erniedrigt zu werden. Sie haben bei genauem Hinsehen die Absicht, mich zu schützen. Es ist nicht einfach, diesen Teilen offen zu begegnen, weil sie oft hart, kalt, abweisend, abwertend, brutal erscheinen.

Übergangene und verratene Teile haben die Erfahrung, keine Stimme mehr zu haben. Es ist anfangs schwierig, ihnen zu begegnen, weil sie Verrat und Verletzung erwarten. Hier ist Geduld und echte Präsenz gefordert – und der Wunsch, diesen Teilen endlich zuzuhören und ihnen eine klar hörbare Stimme im eigenen Leben zu geben.

Jetzt erzähl mal

Sich nicht mehr selbst verraten zu wollen oder sich nicht mehr als Opfer fühlen zu wollen sind kraftvolle Motive, die in den Focusing-Sitzungen entstehen können. In den Sitzungen ist dies oft besonders intensiv spürbar.

Dann – zwischen den Sitzungen -  gilt es, dies im Alltag umzusetzen, in vielen kleinen Situationen innerlich neugierig zu werden und „Jetzt erzähl mal!“ zu sagen neben dem Teil, der vielleicht immer noch sagt „Stell dich nicht so an!“