Tipps & Tricks Nr. 152 – Mauern und die Kraft des stillen Miteinanders

Mauern kommen in Focusing-Sitzungen häufig vor. Sie trennen mich ab, verhindern die Begegnung mit bestimmten Gefühlen und Gedanken und versuchen mich so zu schützen. Dadurch bestimmen sie mein Fühlen und Denken, und zwar so lange wie ich mir ihrer Anwesenheit nicht bewusst bin. Taucht solche eine Mauer auf, wird es interessant. Welche Möglichkeiten und Fallen gibt es?

Es ist leicht, auf eine Mauer negativ zu reagieren. Zwar kann sie alle möglichen Formen und Materialien annehmen; immer steht sie jedoch im Weg, und immer ist sie unüberwindlich, blockiert und spricht nicht mit mir. Es hat den Anschein, als ob sie ein Problem ist, das aus dem Weg geräumt, durchbrochen oder überwunden werden sollte. Manchmal wird sie auch „Widerstand“ genannt – mit ähnlichen Implikationen.

Probieren Sie stattdessen, die Mauer im Detail zu beschreiben, sie wirklich zu sehen und zu fühlen. Vielleicht können Sie wahrnehmen, ob die Mauer nur vor Ihnen steht und sich von links nach rechts erstreckt, ob sie Sie komplett umfasst oder wie weit sie sich sonst ausdehnt. Sie können sich Zeit nehmen, das Material zu beschreiben; und irgendwann ist es sicherlich möglich, zusätzlich eine emotionale Qualität mitzubekommen, die diese Mauer ausstrahlt – vielleicht eher wie ein ängstliches Gefängnis, ein abschirmender Ärger, ein schützender Wall? … es gibt natürlich unendliche Möglichkeiten.

Letztlich ist es idealerweise so, dass Sie die Mauer so sehen, wie sie ist. Sie wollen sie nicht durchbrechen, umbauen, übersteigen, wegreden, ummeditieren … sondern kennenlernen. Dazu ist es wichtig zu verstehen, dass eine Mauer in sich selbst interessant ist und aus gutem Grund auftaucht. Sie ist oft in sich schon eine Antwort auf vorliegenden Druck oder eine vorliegende Verletzung; und es geht um den Schutz Ihrer Integrität.

In anderen Worten: Mauern haben Vorrang. Wenn eine Mauer auftaucht, dann lasse ich mich offen und absichtslos auf sie ein. Ich weiß, dass sie umso rätselhafter und frustrierender erscheint je länger ich sie willentlich oder unwillentlich ignoriert habe bzw. je weniger ich sie verstehen kann; und je mehr ich begreife, dass diese konkrete Mauer etwas anzubieten und beizutragen hat, desto einfacher fällt es mir, mich zu ihr zu setzen und (vielleicht zum ersten Mal) neugierig zu sein. So kann ein kraftvolles, stilles Miteinander entstehen.

Eine Mauer ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie wir im Focusing vorgehen: Ich denke von dem Aspekt her, der mir begegnet; ich achte auf dessen Geschwindigkeit und bin an dessen Sichtweise interessiert. Ich gehe nicht schneller voran als es für diesen Aspekt stimmig ist. Ich respektiere dessen Form und was mitgeteilt wird; und aus dieser Annahme kann Wandlung und Wachstum entstehen.