Tipps & Tricks Nr. 151 – Wie Trauer lebendig und wandlungsfähig werden kann

Letzte Woche war der erste Jahrestag des Todes meiner Mutter. Für mich ist es inzwischen leichter, mich der Trauer im Focusing zuzuwenden, weil dann etwas passiert, was ich sonst nicht erreichen kann: Die Trauer wird in einer Art und Weise lebendig, die wertschätzend und nährend zugleich ist.

Wertschätzung ist meiner Trauer wichtig. Sie sagt: „Ich bin hier, um an sie zu erinnern, mit allem, was dazugehört.“ Sie zeigt auch: „So groß war eure Liebe zueinander.“; und natürlich vieles mehr.

Mich nähren kann die Trauer, wenn ich den Mut finde, mich ihr immer und immer wieder zuzuwenden; und diesen Mut kann ich besonders gut im Focusing finden. Denn hier bin ich frei, so zu sein wie ich tatsächlich bin im Moment … und auch die Trauer selbst fühlt sich frei, so sein zu dürfen, wie sie tatsächlich ist im Moment.

In diesem annehmenden Raum, dieser Akzeptanz und Offenheit, kann die Trauer sich entfalten und wandeln. Der schmerzende Punkt oder das dunkle, niederdrückende Gefühl, das ich vielleicht im Alltag erlebe, kann sich wandeln – nur dadurch, dass ich absichtslos beschreibe, halte, einlade, annehme.

Beispiel 1

Ich habe ein schmerzendes Gefühl der Trauer im Herzen. Ich beschreibe es und nehme mir Zeit, es zu halten und bei ihm zu sein. Ich merke, dass ein besonderer Schritt (den ich aus dem Focusing kenne) wichtig wird, und zwar zu fragen: „Was brauchst du in der Beziehung mit mir?“.

Hierdurch entstehen Bilder und etwas wird auf einmal sehr lebendig. Ich stehe an meiner geliebten Westküste Jütlands auf einer hohen Düne, um mich herum nur Dünenlandschaft und das Meer mit hohen Wellen.

Das Meer braust und tobt und der Sturm zerrt an mir. Ich stehe dort einfach mit dem Gefühl des Schmerzes in der Brust; und ich halte innerlich diesen Schmerz; und dann halte ich den Schmerz in meinen Händen, vor meiner Brust. Ich halte den Schmerz in den Wind.

Der Wind ist wie eine tröstende Kraft. Wenn ich meine ganze Trauer in den Wind halte, so nimmt er winzige Stücke und trägt sie davon. Sie gehen in den Wind ein und bleiben doch da,  gewandelt.

Dann entsteht ein weiteres Bild, von einem flachen Stein, den ich auf den Strand gefunden habe. Er ist über die Zeit vom Wasser glattpoliert und ruht jetzt angenehm in meiner Hand. Ich bringe den Stein zu meinem Herzen, dort wo der Schmerz sitzt. Es entsteht ein exquisites Gefühl in diesem Kontakt mit dem Stein. Dann bringe ich den Stein wieder vor die Brust und halte ihn in den Wind. Dies wiederhole ich viele Male und es entsteht Liebe, die auch trauert.

Es zeigt sich ein persönlich bedeutsames, lebendiges Ritual im Focusing, auf das ich jederzeit im Innern zurückgreifen kann.

Beispiel 2

Ich arbeite mit einem Gefühl, welches ich als „Schockaufregung“ bezeichne. Es ist das Gefühl, das ich zum ersten Mal hatte, als ich vom Tod meiner Mutter erfuhr. Im Laufe der Focusing-Sitzung kann ich dieses Gefühl besser beschreiben und weitere Situationen entdecken, aus denen ich es auch schon kannte.

Je mehr ich mit diesem Gefühl arbeitete, desto klarer wurde: Hinter der Schockaufregung liegt ein blutendes, gebrochenes Herz. Sobald ich dies aussprechen konnte, kam ein Gefühl runder Stimmigkeit auf. Ja, so ist es: Die Schockaufregung ist ein Gefühl, das über meiner Verletzlichkeit liegt, über einem gebrochenen Herzen.

Jetzt wird wieder etwas lebendig. Es entsteht ein tiefes Gefühl von dunkler, satter Erdigkeit, im Brustbereich und später auch im Gesicht und dann im ganze Körper. Es ist so, als ob ich mit dem gesamten Körper in einer nährenden, haltenden Erde liege.

Mein Körper lernt, wie ich nur durch Annahme und Beschreiben eines Gefühls von Schock und Aufregung zu Stimmigkeit und Erdigkeit gelangen kann.

Insgesamt lerne ich, wie wichtig der Moment im Focusing ist, in dem Lebendigkeit entsteht – und wie ich dies mehr und mehr erkennen und (auch bei Anderen) unterstützen kann.