Tipps & Tricks Nr. 15 – Wenn Gedanken kommen, bin ich verkopft oder im Kontakt?

Jemand hat folgende Frage zu dem Umgang mit Gedanken:

„Es ist so wohltuend, wenn ich es im Focusing schaffe, sich ängstigende Anteile einfach so anzunehmen wie sie sind. Gleichzeitig bemerke ich dann aber oft Gedanken, die mir die Angst erklären, so nach dem Motto „Das kommt daher, dass ...“. Die Gedanken scheinen mit den Gefühlen von Angst verbunden zu sein. Daher meine Frage: Bin ich verkopft? Oder ist das Kontakt?“

Vielen Dank für diese Frage, die letztens in einem Einsteigerpaket aufgetaucht ist. Ist es nicht interessant, wie die verschiedenen Aspekte des Erlebens zusammen auftauchen, also zum Beispiel Gefühle und Gedanken? Natürlich hängen diese zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. 

Bewertung versus Kontakt

Es gibt allerdings eine Tendenz, sich selbst in eine Schublade mit Etikett und Bewertung zu sortieren, z.B.

 

  • Viele Gedanken, Etikett: „Ich bin immer so verkopft“, Bewertung: Das ist schlecht
  • Viele Emotionen, Etikett: „Ich bin immer so emotional“, Bewertung: Das ist schlecht

Im Focusing liegt das Augenmerk mehr darauf, wie ich selbst dem gegenübertrete, was in mir auftaucht. Ich löse mich von Kategorien und Bewertungen, und achte stattdessen darauf, ob mir ein aktiver, freundlich-interessierter Kontakt gelingen kann.

Die erste Reaktion

Taucht zum Beispiel ein Gedanke auf, kann ich als erste Reaktion sagen: „Oh nein, jetzt erklären mir diese Gedanken schon wieder, wo das alles herkommt. Ich bin so verkopft.“ Das Resultat wäre, dass Sie mit dem Gedanken nicht weiter in Kontakt kommen. Mit „ich bin so verkopft“ sagen Sie „Ich bin nicht interessiert“ oder „Ich weiss nicht, wie ich mit dir umgehen soll“.

Wie wäre es stattdessen mit: „Ah, ein interessanter Gedanke! Eine interessante Erklärung.“ Dieser Schritt würde Ihnen Tür und Tor öffnen, um in einem inneren Dialog zu erörtern, wohin dieser Gedanke führt und wozu er aufgetaucht ist. Gleichzeitig können sich so auch die mehr emotionalen Aspekte des „Erklären-wollens“ oder „Erklären-müssens“ eröffnen. 

Hin zum Fühlen oder Weg vom Fühlen

Es gibt zwei Richtungen, die Gedanken nehmen können – je, nachdem wie Sie sich selbst gegenüber diesen verhalten:

 

  1. Vom Körper und vom Fühlen weg. Dies merken Sie daran, dass Sie sich nicht mehr spüren können, dass Sie Beschreibungen eher „raten“ als wahrnehmen und dass Sie in wiederkehrenden Gedanken („Story“) gefangen bleiben.
  2. Zum Körper und zum Fühlen hin. Dies merken Sie daran, dass Sie eine ungewohnte Rolle einnehmen, eine Art Moderator. Ihnen ist es wichtig, Gedanken ernstzunehmen (und nicht als „verkopft“ abzutun) und in den inneren Dialog einzubringen. Es geht Ihnen um die Verbindung zwischen Gedanken und dem, was Sie sonst noch fühlen. Sie wollen die Bedeutung der Gedanken wirklich verstehen. Dies reicht vom einfachen inneren Abgleichen („Stimmt das? Trifft das zu? Klingt das an? Was für eine Resonanz entsteht?“) bis zu einem empathischen Verstehen („Ich verstehe; und kein Wunder, dass es dir dann so geht“). Auch der nächste Schritt kann als Moderator leicht eingeladen werden, z.B. „Was passiert als nächstes, wenn du mit dieser Bedeutung in Berührung kommst?“ – Dieses „Nächste“ ist dann oft wieder auf einer anderen „Ebene“, in diesem Fall also emotional.

Abgesehen von diesen zwei Richtungen gibt es natürlich auch noch Focusing-Sitzungen, in denen es hauptsächlich um Gedanken oder Konzepte selbst geht. Dann spielen Emotionen umgekehrt natürlich auch eine Rolle und sollten konstruktiv in den Dialog eingebracht werden.