Tipps & Tricks Nr. 145 – Wozu dient es, Gefühlen und Gedanken Raum zu geben?

Durch das Zuhören im Focusing gebe ich Gefühlen und Gedanken Raum. Letztlich werde ich zu einem Raum, der annehmend und zuhörend ist. Wozu aber dient dies? Welche Vorteile hat es, meinen Gefühlen und Gedanken Raum zu geben?

Überlegen Sie sich eine Person in Ihrem Leben, die Ihnen in einer konkreten Situation wirklich zugehört hat; die Ihnen wirklich Raum und Zeit gegeben hat; die so genau, warmherzig und zugewandt zugehört hat, dass Sie es heute noch wissen.

Eine Person also, die durch ihre Art des Zuhörens etwas in Ihnen bewirkt hat; vielleicht haben Sie sich lebendiger gefühlt; gesehen und anerkannt. Vielleicht konnten Sie dadurch besonders gut denken oder besonders kreativ sein. Vielleicht konnten dadurch Gefühle in einer sehr angenehmen Art und Weise in den Vordergrund treten und sich ausdrücken.

Mir ging es (erstaunlicherweise :) so mit einem Professor von mir. Er war einfach in den Stunden, in denen ich meine Arbeiten präsentieren musste, so präsent, so einladend und so unvoreingenommen, dass ich in diesen Momenten wieder „einfach-nur-ich“ wurde. Nicht mehr der Student, der versucht, in irgendeiner Art und Weiser besonders zu sein, sondern einfach nur ich.

Er konnte etwas, was ich erst lernen musste: Mir und meinen Gefühlen und Gedanken Raum geben. Was mir auffiel: Er war selbst verletzlich und offen, und trat mir gegenüber ohne eine Wand aus Fachbegriffen und cleveren Ideen auf.

Dadurch entstand für mich ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen; insbesondere das Vertrauen, noch unfertige Gefühle und Gedanken zu äußern und weiter zu enzwickeln; in diesen Begegnungen formte sich eine Art tiefes Vertrauen in meine Gedanken und Gefühle; dass ich leicht aus mir selbst schöpfen kann.

Den eigenen Gefühlen und Gedanken Raum geben zu können ist seither ein wichtiges Bild, das ich in mir trage. Ich weiß inzwischen: Jedes Gefühl, jeder Gedanke entwickelt sich, wenn ich Raum gebe; ich könnte auch sagen: Jedes Gefühl, jeder Gedanke entwickelt sich, wenn ich dem jeweils eine Stimme gebe.

Wenn ich die verschiedenen Aspekte in mir hören kann und darf, dann bin ich frei (ich muss nicht mehr weghören). Wenn ich in dieser Art frei bin, dann kann mir das begegnen, was stimmig und wahr ist; und wenn mir dies begegnen kann, dann weiß ich, nach einer längeren Phase des Suchens und Experimentierens (ist spannend!), was zu tun und was zu lassen ist.

Die unterschiedlichen Teile in mir können aufatmen und aufhören, sich zu verkrampfen, zu ducken oder sich für die Augen und Ohren Anderer anzupassen. Sie sind jetzt sicher: "Ich habe meinem Platz und meine Stimme." Was gibt es besseres?