Tipps & Tricks Nr. 14 – Ist Präsenz auch etwas für meine Kinder?

Jemand hat folgendes Anliegen im Focusing:

„Ich bin begeistert, wie sehr mir allein die erste Stunde des Einsteigerpakets über Präsenz geholfen hat mich besser zu verstehen und auch besser mit mir umzugehen. Wie ist Ihre Erfahrung - geht das auch mit meinen Kindern, 4 und 6 Jahre alt?“

Selbstverständlich! Focusing handelt ja genau darum, sich selbst besser zu verstehen und besser mit sich selbst umzugehen. Und wer bräuchte das mehr als die eigenen Kinder?

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich unterrichte Focusing und komme trotzdem regelmäßig an meine Grenzen mit meinem Sohn. Und es geht m.E. darum, dies zu sehen und anzuerkennen, um daraus zu lernen – anstatt zu verlangen „perfekt“ sein zu müssen.        

Feste Vorstellungen und Erwartungen

Denn was ich von mir selbst verlange (z.B. „perfekt“ zu sein), verlange ich tendenziell auch von meinem Kind. Habe ich eine feste Vorstellung, wie etwas zu sein hat, dann dürfen andere Gefühle, Wünsche oder Verhaltensweisen nicht sein.

Im Focusing lerne ich dagegen, zu pausieren und mein Kind wirklich anzuschauen und zu fragen: „Wie ist das? Möchtest du das?“ Es ist eine Art und Weise, mit meinem Kind umzugehen, es ernstzunehmen. Wenn ich es ernstnehme, dann nehme ich auch seine Gefühle ernst; alle, bedingungslos. Auch wenn es nicht einfach ist oder gleich passt.

Dafür brauche ich selbst viel Präsenz. Hier sind drei Beispiele, in denen ich mal mehr und mal weniger Präsenz hatte; und mal mehr, mal weniger pausieren und meinen Sohn wirklich anschauen konnte.

Beispiel 1: Ich habe eine feste Vorstellung und versuche diese zu erzwingen.

Ich habe die feste Vorstellung, dass mein Sohn heute Fahrradfahren lernen könnte. Ich frage ihn, ob er Lust dazu hat, mit mir Fahrradfahren zu probieren. Er sagt ja. Wir gehen zu einer ruhigen Strasse, auf der er ungestört üben kann – bricht das Üben aber nach einer Minute frustiert ab. Er sagt: „Ich kann das nicht.“ Ich will das nicht wahrhaben und versuche, ihn dazu zu bringen, weiter zu üben. Ich habe einen großen Druck in mir und Angst, dass er es „nie“ lernen wird. Es endet in Tränen und Frustration auf beiden Seiten.

Zwei Wochen später nimmt mein Sohn irgendwann spontan sein Fahrrad, sagt er habe Lust jetzt Rad zu fahren und fährt mit wenigen Hilfen für das Anfahren und Bremsen zum ersten mal. Er ist begeistert. Ich kann nur über mich selbst lachen (oder weinen), wenn ich an die erste „Jetzt-lernen-wir Fahrradfahren“-Situation zurückdenke. Damals fehlte mir Präsenz, und das nicht zu knapp.

Beispiel 2: Ich habe ein klares Ziel und spüre in die Situation hinein.

An dem Seminar mit Ann Weiser Cornell im Juni in Hamburg habe ich zugunsten meiner Frau nicht teilgenommen. Stattdessen bin ich mit meinem Sohn in die Schwimmhalle gegangen und hatte das klare Ziel, schwimmen zu lernen. Am Eingang kaufen wir einen neue Badehose für ihn und Schwimmflügel. Mein Sohn ist begeistert, und er liebt es sich im Wasser zu bewegen. Am Anfang ist er ständig auf mir und um mich herum, und langsam tastet er sich vor und will auch alleine im Wasser paddeln.

Im Gegensatz zu der Situation mit dem Fahrrad (Beispiel 1) habe ich keinerlei inneren Druck. Ich liebe es im Wasser zu sein, und ich war einfach spielerisch und „in“ der Situation. Mein Sohn konnte so stundenlang mit mir im Wasser spielen. Ich konnte ihn gleichzeitig beobachten und die kleinen Schritte sehen und wertschätzen, die er von sich aus machte, um zu mir oder von mir wegzupaddeln. Auch hatte ich jederzeit einen klaren Kopf um zu sehen, wo er gerade eine unterstützende Hand brauchte, um eine bestimmte Bewegung ausführen zu können. Ich lerne, wie stark Präsenz und Spiel zusammenhängen.

Beispiel 3: Ich will meinen Sohn unterstützen. Ich spüre in die Situation hinein und bleibe offen.

Heute war der erste Kindergartentag nach den Sommerferien. Als wir am Kindergarten ankamen, war dieser aber geschlossen. Wir wußten nicht, dass die Einrichtung noch eine weitere Woche geschlossen ist und alle Kinder in einer anderen Einrichtung betreut werden sollten – natürlich vom gewohnten Personal.

Wir fuhren also zu der neuen Einrichtung, hatten aber ein ungutes Gefühl. Alles war neu für meinen Sohn; wesentlich mehr Kinder, eine neue Umgebung und auch andere Erwachsene. Wir liessen uns die Abläufe erklären, aber das ungute Gefühl blieb. Mir war klar: Ich will meinen Sohn unterstützen, egal wie er entscheidet. Den Arbeitstag hatte ich in dem Moment aufgekündigt und war wieder einmal froh, dass mir dies möglich war.

Meine Frage an ihn war also: „Wie gefällt es dir hier? Hast du Lust es auszuprobieren?“. Mein Sohn antwortete nach einiger Zeit „Ich weiß nicht, wie das hier geht. Und ich fühle mich unwohl.“ Ich sagte ihm, dass ich das gut verstehen kann. Ein ziemlich komplexer Entscheidungsprozess entfaltete sich, in dem wir einiges zusammen ausprobierten und kennenlernten. Letztlich sagte mein Sohn dann: „Mein Körper sagt, dass ich mich hier nicht wohlfühle.“ Wir beschlossen dann zu gehen und witzigerweise tauchten zum Abschied zwei Mädchen auf, die er sehr gerne mag. Auf dem Rückweg sagte mein Sohn dann: „Ich bin auch traurig.“ Er erklärte mir, dass er gerne mit einem der beiden Mädchen spielen wollte.     

Wir beschlossen, wieder zum Kindergarten zurückzugehen und zu sehen, was sich machen liesse. In diesem Stil ging es dann weiter und wir waren 2 Stunden später wieder zuhause mit der Idee, morgen wieder dorthin zu gehen. Mein Sohn war froh.

Ich lerne, dass meine Offenheit für die Wünsche meines Sohnes ihm Druck und Zwang erspart hat, in einer unangenehmen Situation verweilen zu müssen. Gleichzeitig wurden seine Gefühle ernstgenommen, und zwar nicht nur im Sinne von „Ich höre dich“ sondern auch „Ich höre auf dich und unterstütze dich“.