Tipps & Tricks Nr. 136 – Zeit allein heilt keine Wunden

Wenn ich Focusing-Sitzungen begleite, dann passiert immer wieder das Gleiche: Vergangene Situationen, in denen es kein Vorwärtskommen sondern nur Stillstand und Schmerz gab, werden wieder lebendig. Aber nicht nur das. Sie fangen an, sich zu wandeln und, ja, zu heilen. Die Zeit, die bis zu solch einer bewegenden Sitzung vergangen ist, kann dabei helfen, Abstand zu gewinnen, heilen tut aber etwas Anderes.

Die Heilung, die hier gemeint ist, ist eine innere Versöhnung und ein Fortfahren an der Stelle, an der damals nichts mehr weiterging. Und natürlich geht es dabei um eine innere Begegnung.

Als Kind

Wenn mir solch eine ausweglose Situation als Kind begegnet, so wird das Erleben – die Gefühle, der Schock, der Schmerz – wie eingefroren. Es ist nicht möglich, sie zu lösen, weil die Menschen um mich herum kein oder zu wenig Verständnis für mich haben. 

Solche Situationen mögen in meinem Alltagsbewusstsein ganz unscheinbar wirken, denn letztlich wurden sie nie in ihrer Bedeutung erfasst und verstanden: Der Vater, der sich abwendet. Die Mutter, die mich für ihr Glücklichsein braucht. Das Beschützen des Bruders vor der Wut des Vaters. Die nicht vorhandene Freude der Eltern, wenn ich nach Hause komme. Die Scham und die Angst vor der Schulklasse zu stehen und einen Blackout zu haben. Das ständige Leisten, um geliebt zu werden.

Wie gesagt, die Gefühle und letztlich die gesamte damalige Situation, taucht im Focusing wieder auf; und zwar frisch, hier und jetzt; also ähnlich und doch völlig anders als „damals“: Denn hinzu kommt jetzt meine Fähigkeit, all dem im Focusing in einer sehr speziellen Art und Weise zu begegnen. Behutsam, zuhörend, akzeptierend, mitfühlend.

Anstatt weiter dagegen zu kämpfen bzw. es nicht mehr zu fühlen (wie in der damaligen Situation notwendig), bin ich jetzt präsent genug um für es da zu sein. Eine innere Versöhnung beginnt.

Als Erwachsener

Natürlich begegnen mir auch als Erwachsenem Situationen, die mich überfordern oder die zu schnell entstehen und ablaufen. Ich brauche dann Zeit im Focusing, um neu zu reflektieren oder dort anzuknüpfen, wo der Kontakt abgebrochen war.

Ich merke das zum Beispiel daran, dass eine Situation immer wieder auftaucht und sozusagen „anklopft“ und gesehen werden möchte.

Mir passiert dies gerade. Das Bild meiner toten Mutter im offenen Sarg taucht seit einiger Zeit immer wieder auf.

Sie verstarb völlig unerwartet in Spanien, ich musste meinen Vater abholen und nach Deutschland bringen. Erst nach knapp einem Monat war es überhaupt möglich, meine Mutter, im Sarg, wiederzusehen. Ein Schock; und hinzu kam, dass mein Sohn mit dabei war und es meinem Vater sehr schlecht ging. Wir hatten außerdem nur eine kurze Zeit für diesen Abschied zur Verfügung.

Lasse ich mich im Focusing auf dieses immer wiederkehrende Bild ein, entstehen viel verschiedene Bewegungen in mir, die immer darauf hinauslaufen, den plötzlichen Tod verstehen zu wollen, meine Mutter zu würdigen, meiner Trauer freien Lauf zu lassen, mich zu verabschieden, sie noch ein letztes Mal zu berühren, mit ihr zu "sprechen", Sinn zu finden. Auch das Grauen vor dem Tod bekommt seinen Platz als Unterströmung in meinem Fühlen.

Wichtig dabei: Es findet eine Weiterentwicklung der Situation statt; das, was noch fehlte und was nicht möglich war, wird nachgeholt und vollständig gemacht; und in diesem Sinne findet Anerkennung und dann Heilung, Vervollständigung, statt.

Was ich lerne

Ich lerne also in beiden Fällen: Je mehr Zeit ich regelmäßig mit „all dem“ einer unvollständigen Situation in Ruhe und Akzeptanz verbringe und mir selbst dort wirklich begegne, desto mehr kann sich dies in mir weiterentwickeln und heilen. Nur die Zeit vergehen zu lassen heilt meine Wunden nicht.