Tipps & Tricks Nr. 115 – Sie sind nicht dazu da, andere Menschen froh zu machen

Früher habe ich in Gesprächen häufig gelächelt. Fast schon andauernd. Ich habe auch interessiert nachgefragt und das Gespräch so immer in Gang gehalten, weitergeführt. Aber in mir war eine ganz andere Realität. Eigentlich wollte ich das Gespräch beenden. Aber es ging nicht. Denn dann wäre mein Gesprächspartner unglücklich gewesen; und genau diesen (vermeintlichen) Konflikt galt es zu verhindern.

Dieses Muster geht auch anders. Ein Klient von mir berichtet, dass er in wichtigen Gesprächen immer eine Mine aufsetzte, die „Das berührt mich nicht“ signalisiert.

Dahinter passiert aber etwas ganz anderes. Er hat große Sorge darüber, was der Gesprächspartner über ihn denken wird; und eigentlich sind da eine große Verletzlichkeit und der Wunsch, einfach zu lieben und geliebt zu werden. Aber zuallererst soll der Gesprächspartner froh sein, denn eine Auseinandersetzung würde die Hoffnung nach Zuneigung zunichtemachen.

Frust, wenn alles nur bei den anderen Menschen liegt

Interessant an dieser Art Mustern ist, wie sie sich am Anfang im Focusing zeigen. Es scheint anfangs immer um die anderen Personen zu gehen. Es ist zuerst nicht möglich, die eigenen Anteile an dieser Interaktion einzuladen und zu betrachten. Die eigenen Gefühle und Zustände scheinen von der „Situation“ oder den anderen Menschen produziert zu werden; so, als ob man selbst keinen Anteil daran hätte.

Dies ist oft der erste Schritt. Ich beschreibe die Situation, die mir immer wieder passiert; und die wahrscheinlich frustrierend ist. Wenn einmal klar ist, was in der Situation passiert und wie sich dies anfühlt, dann ist ein weiterer Schritt möglich. Woran erkenne ich diesen ersten Schritt? Alle Anteile, die ich im Focusing finde, sind „Opfer“. Ihnen passiert etwas, worauf sie scheinbar keinen Einfluss haben.

Mein Beitrag und die Befreiung ins eigene, aktive Handeln

Im zweiten Schritt frage ich mich: Und was ist mein aktiver Beitrag an dieser Situation? Wie halte ich diese Situation aufrecht? Was taucht dazu in mir auf? Diese Frage nach dem aktiven Anteil ist meiner Erfahrung nach sehr wichtig. Das gesamte Bild ändert sich, und ich bekomme Zugang zu Anteilen, die vorher nicht fühlbar waren.

Ein Beispiel

Mir passiert es zum Beispiel öfters hier in Dänemark, dass ich in Gesprächen, bei denen meine Frau dabei ist, nach einiger Zeit nur noch wenig Augenkontakt und direkte Ansprache bekomme. Das Gespräch scheint nichts mehr mit mir zu tun zu haben. 

Etwas in mir fühlt sich dann abgeschnitten, ausgeschlossen und frustriert. Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, dass ich das „Opfer“ meiner immer noch nicht perfekten Sprachkenntnisse bin. Sicherlich ist dies auch zum Teil richtig, aber da ist mehr.

Nachdem ich dem Frust Platz geben konnte, fragte ich nach dem eigenen, aktiven Anteil; und war verblüfft darüber, was auftauchte. Es wurde schnell überdeutlich, wie etwas in mir sich aktiv aus der eigenen Kraft zurückzieht. Es ist ein aktives Zurückziehen aus dem Gespräch. Kein Wunder, dass unsere Gesprächspartner nicht mehr viel „zu mir“ sprechen. 

Gleichzeitig merkte ich, wie bestärkend dieses Bild des aktiven, eigenen Handelns war; anstatt das Opfer zu sein, konnte ich nun sehen, wie ich selbst Anteil habe an dem Geschehen. In diesem Moment hörte ich auf, mich als frustriertes Opfer zu fühlen, und bekam noch mehr Interesse, dieses Phänomen zu studieren und zu verstehen (ohne es in eine vermeintlich „richtige“ Lösung – so hat es zu sein – zu drängen).

Sind Sie fasziniert? Erkennen Sie sich wieder?

Wenn Sie diesen respektvollen, unaufgeregten und kontemplativen Ansatz mögen, dann schauen Sie sich gerne an, was es Ihnen bringen kann Focusing zu erlernen.

Herzliche Grüße,
Elmar Kruithoff