Tipps & Tricks Nr. 11 – Ich bin frustriert und will endlich in Gang kommen

Jemand beschreibt folgendes Problem:

„Ich stecke in der Mitte eines Studiums und müsste langsam eine wichtige Arbeit für mein Studium in Angriff nehmen. Ich habe aber nur wenig Motivation und möchte jetzt Focusing dazu benutzen, endlich in Gang zu kommen. Ich habe schon viele Strategien ausprobiert. Im Focusing ist mein Problem, dass wenn ich mir dieses Thema anschaue nichts weiter entsteht und ich mich nur noch schlechter und festgefahrener fühle. Ich bin frustriert. Wie kann ich dieses Dilemma lösen?“

Auf den ersten Blick sieht dies tatsächlich aus wie ein Dilemma. Aber ist das wirklich so? Mein Eindruck ist es, dass Sie Fousing im Moment noch aus einem bestimmten Aspekt heraus benutzen. Das bedeutet, dass Sie innerlich nicht wirklich frei sind, sondern sich von einem Teilaspekt diktieren lassen, wie es weitergehen sollte. 

Druck erzeugt unpassende Lösungsvorschläge

Sie schreiben, dass Sie „endlich in Gang damit“ kommen möchten und dass Sie schon viele Strategien ausprobiert haben. Ich höre da einige Ungeduld. Diese Ungeduld mag verständlich sein. Sie ist aber ein Zeichen dafür, dass Sie mit einem Aspekt identifiziert sind, der Druck macht; und dadurch werden Ihre Möglichkeiten stark einschränkt und die Bedingungen für Focusing fehlen: Es ist dann nur schwer möglich, eine passende, differenzierte Lösung zu finden. Stattdessen scheint es nur bestimmte, schon festgelegte Alternativen zu geben, z.B. „Ich mache weiter und bin voller Motivation“ oder „Ich bin unmotiviert und breche ab.“ Ich gehe davon aus, dass die Lösungsmöglichkeiten in solch einem Dilemma aus der Sicht von Ihnen selbst immer unpassend sind; in diesem Fall vielleicht unrealistisch oder nicht zufriedenstellend.

Die passende Lösung steckt im Frust

Wenn Druck gemacht wird, dann reagieren andere Aspekte, die nicht so dominant sind in einer typischen Art und Weise: Sie verschwinden, genau wie Sie es beschreiben. Mit diesen Aspekten verschwinden aber auch die Möglichkeit, gute Lösungen für sich selbst zu finden.

Der erste und wichtigste Schritt in solch einem Fall ist es also, den Teilaspekt in den Blick zu bekommen, der Druck macht. Dafür müssen Sie selbst aktiver, größer, interessierter werden.

Bisher erleben Sie sich selbst als unmotiviert und frustriert. Dadurch scheint es keinen passenden Ausweg zu geben. Es ist dann so, als ob Sie einen Ausweg suchen ohne überhaupt anzuerkennen und zu untersuchen, wieviel Frust sich warum schon angesammelt hat. Darin steckt oft der Mythos, das Frust nur Frust ist und deshalb am besten „weg“ sein soll.

Im Focusing praktizieren Sie das Gegenteil: Sobald Sie sich dem Frust zuwenden können und mitfühlend beschreiben können „Ich spüre etwas in mir ist frustriert“ und „Etwas in mir ist unmotiviert“, dann erhalten Sie eine Grundlage für Veränderung im Dialog. Sie können es nun fragen: Wie müsste diese Situation sein, damit du motivierter bist? Gibt es Ideen, was ich verbessern könnte? Womit hängt das zusammen? Wie ist das konkret umsetzbar?

Kompromisse schliessen

In diesem Schritt nehmen Sie dann alle möglichen Perspektiven ein. Insbesondere können Sie prüfen, inwieweit die Demotivation mit der äußeren Situation zusammenhängt, in der Sie stecken. So kann es zum Beispiel sein, dass Sie eine bestimmte Aufgabe nicht mögen. Oder eine bestimmte Person. Oder Sie fühlen sich alleine, und sehnen sich nach mehr Austausch. Vielleicht ist es auch ein persönliches Thema, z.B. das Gefühl abgehängt zu sein oder den eigenen hohen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Wichtig hierbei ist es, immer auch die äußere Situation zu betrachten. Im Focusing wägen Sie Ihre eigene Integrität ständig ab mit der äußeren Situation.

So betrachtet üben Sie im Focusing ständig bei sich zu bleiben („was möchte ich?“, „was ist mein roter Faden?“) und gleichzeitig Kompromisse zu schliessen („was passiert in der Situation?“, „was entsteht in mir?“).