Tipps & Tricks Nr. 108 – Wie Sie auch unter inneren Attacken Annahme finden können

Alle Gefühle haben ein Problem gemeinsam: Sie sind sehr verletzlich. Denn es ist leicht, sie zu ignorieren oder auszuschließen. Es ist leicht, sie lächerlich zu machen. Es ist auch leicht, sie zu analysieren, zu interpretieren und schlau zu kommentieren.

Die Gefühle werden jedoch unter solchen Reaktionen begraben. Und nicht nur das; es scheint dadurch so zu sein, dass meine Gefühle ein Problem sind. 

Wenn ein Gefühl in den Vordergrund tritt, dann kann es zum Beispiel eine der folgenden Reaktionen auf dieses Gefühl geben:

  • Attackieren („Du bist eine Katastrophe“, „Jetzt hast du das schon wieder!“, „Reiß dich doch zusammen!“)
  • Beschämen oder lächerlich machen („Ist das peinlich …“, LOL)
  • Unverständnis und Angst („Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“, „Ich halte das nicht aus.“)
  • Schuldgefühle und schlechtes Gewissen („Du bist immer so egozentrisch“, „Immer geht es nur um dich:“)
  • Angst, dass es wieder verletzt wird („Lieber schnell wieder verschwinden.“);
  • Sorge, dass es immer so bleiben wird („Wenn ich mich darauf einlasse, dann wird es immer so bleiben.“)

Kennen Sie ein Gefühl, dass Reaktionen dieser Art in Ihnen nach sich zieht?

Gefühl und Gegenreaktion

Manchmal ist es gar nicht so leicht, solch ein Gefühl klar zu benennen. Dadurch, dass sie oft jahrzehntelang wenig zugelassen werden konnten, sind sie nicht wirklich präsent. Vielmehr sind sie reduziert auf ein Ziehen, ein Brennen, ein Zusammenziehen, ein Strömen oder Elektrisieren. Oder sie werden nur noch in Beziehungen sichtbar, als Konflikte, Kämpfe, Bewertungen, Ärger, Stillstand, Abbruch.

Gleichzeitig sind die oben genannten Reaktionen gegen diese Gefühle oft derartig stark im Vordergrund, dass es so scheint, als ob Sie selbst nur davon ausgefüllt werden. Es ist dann nur eingeschränkt möglich, überhaupt mit dem eigentlichen Gefühl zu arbeiten, das versucht aufzutauchen.

Eine annehmende Beschreibungen vor der Sitzung finden

In einer Focusing-Sitzung ist es wichtig, zuerst mit den Reaktionen auf die Gefühle zu arbeiten, z.B. mit dem Unverständnis, dem Beschämen oder dem schlechten Gewissen. Ansonsten gäbe es keine Platz für das eigentliche, verletzliche Gefühl.

Dies können Sie schon vor der Focusing-Sitzung tun, z.B. indem Sie eine möglichst annehmende Beschreibung für eine Reaktion finden, die Sie schon länger kennen und erleben. Nur ist es leider schwierig, sich aggressiven und attackierenden oder deprimierenden und unterdrückenden Reaktionen zuzuwenden.

Wie also kann ich so etwas wie eine innere Attacken überhaupt annehmend in Worte fassen? Die Antwort lautet: Benennen Sie die Sorge, die in den Reaktionen steckt und kombinieren Sie diese mit der Attacke.

Annehmende Beschreibung = Sorge + Attacke

Die Formel hierfür ist: Annehmende Beschreibung = Sorge + Attacke. Durch diese Umformulierung vor und während einer Focusing-Sitzung wird es Ihnen ermöglicht, eine neue Perspektive einzunehmen.

Hier sind einige Beispiele dafür:

  • „Du bist eine Katastrophe, wenn du schon wieder so traurig bist.“ wird zu „Ich nehme etwas in mir wahr, dass sich sorgt, ich sei eine Katastrophe, wenn ich so traurig bin.“
  • „Ist das peinlich mit deiner Freude.“ wird zu „Ich nehme etwas in mir wahr, dass sich sorgt, diese Freude sei peinlich.“
  • „Du bist immer so egozentrisch, wenn du deine Gefühle spürst“ wird zu „Ich nehme etwas in mir wahr, dass sich sorgt, ich sei egozentrisch, wenn ich meine Gefühle spüre.“

Sorge lädt dazu ein, zu verstehen und mitzufühlen

Achten Sie also immer darauf, was die Sorge ist, wenn Sie sich attackiert fühlen. Die Sorge annehmend zu beschreiben ist wesentlich einfacher, als die daraus resultierende Attacke. Denn die Sorge lädt dazu ein, zu verstehen und mitzufühlen. Hat sich dagegen schon eine Attacke ausgeformt, bleibt die dahinterliegende Sorge im Dunkeln.

Oft reicht die Annahme der Sorge hinter der Attacke, um herauszuarbeiten und zu verstehen, worum es eigentlich geht: Zum Beispiel um Schutz und Sicherheit. Oder um Anerkennung.

Ein innerer Dialog fängt an, sobald die Sorge gesehen wurde

Sobald die Sorge verstanden ist, kann sich mehr von dem zeigen, was sich entwickeln möchte. Es geht dann darum, die Zukunft zu entwickeln anstatt im Schmerz zu verharren.

Dieses Potential wird z.B. sichtbar, wenn Sie im Focusing einfach mit einem Gefühl arbeiten, auf das es keine weiteren Reaktionen gibt. Da ist einfach nur Sehnsucht, Trauer, Ärger … egal welches Gefühl … und Sie haben Raum und Zeit, diesem Gefühl Gesellschaft zu leisten und zuzuhören, was es beitragen möchte oder was es zu verstehen geben will.

Sind Sie fasziniert? Erkennen Sie sich wieder?

Wenn Sie diesen respektvollen, unaufgeregten und kontemplativen Ansatz mögen, dann schauen Sie sich gerne an, was es Ihnen bringen kann Focusing zu erlernen.

Herzliche Grüße,
Elmar Kruithoff