Tipps & Tricks Nr. 103 – Was ich tue, wenn ich traurig und frustriert bin

Die letzte Woche war davon geprägt, dass meine Frau und ich bemerkt haben, wie unwohl sich unser Sohn in der Schule fühlt; unter Anderem sagte er: „In der Schule habe ich Angst, Fehler zu machen.“ In einem Lehrergespräch wurden ausschließlich Mängel beschrieben, ein frustrierendes Erlebnis. Seit diesem Gespräch geht mir eins nicht aus dem Kopf: Kann und darf ich meinen Sohn in dieser Klasse, mit diesen Lehrpersonen, lassen, wenn es ihm offensichtlich nicht gut tut und er die Lust am Lernen verliert? – Aber noch etwas wird überdeutlich. Ich bin so frustriert und traurig. Was tun?

Eine Möglichkeit, die durchaus richtig und gut ist, ist z.B. die Präsenzsprache. Sie hilft mir, besser mit den Gefühlen und Gedanken umzugehen und klarer zu werden. Ich kann sagen: „Ich verbringe Zeit mit etwas in mir, das im Moment so traurig und frustriert ist.“ Dadurch  bekomme ich mehr Abstand, einen besseren Kontakt und mehr Raum für Anderes. Ein innerer Dialog wird möglich. 

Kann ich noch sehen, was mich freut?

In Situationen dieser Art gehe ich gerne auch mal einen anderen Weg. Ich mache mir klar, worüber ich mich heute und in den letzten Tagen und Wochen gefreut habe, und wofür ich dankbar bin.

Ziel davon ist nicht, die Traurigkeit, den Schmerz oder die Frustration wegzuschieben. Vielmehr nehme ich erst Kontakt mit der Traurigkeit auf und begrüße sie. Anschließend stelle ich mir die Frage: Worüber habe ich mich in den letzten Tagen und Wochen eigentlich gefreut? Worüber bin ich dankbar? Kann ich das auch noch sehen?

Als erstes fällt mir ein, dass ich letzte Woche eine neue Familie kennengelernt habe; und wie überraschend gut mir das Zusammensein getan hatte, wie leicht und natürlich der Kontakt sich anfühlte. Wir hatten so viel Freude zusammen. Wir haben uns sofort wieder verabredet.

Freude hilft der Traurigkeit, da zu sein

Dies wird der Anfang einer Liste. Ich schreibe Schritt für Schritt auf, was mir einfällt; und gehe dann immer ins Spüren zurück. Ich achte besonders auf Kleinigkeiten, eine kurze Begegnung, ein Blick – Dinge, die ich normalerweise leicht übersehen würde. Manchmal reicht mir nur ein Punkt auf der Liste, mit dem ich wirklich etwas anfangen kann.

Es ist so, als ob alles, über das in mir Freude und Dankbarkeit entsteht, mit dabei hilft, dass die Traurigkeit, die Frustration, der Schmerz da sein darf. Ich könnte dies auch direkt formulieren: Wie hilft diese Freude und Dankbarkeit dabei, die Traurigkeit und den Schmerz da sein zu lassen?

Ein vollständigeres Erleben

Und: Jetzt ist es eben nicht mehr nur der Schmerz und die Traurigkeit. Es kommt mehr hinzu, mehr von mir; wer ich auch bin, wie ich auch fühle. Je mehr ich auch Kontakt habe mit meiner Freude und Dankbarkeit, desto eher kann ich sagen:

  • Ich verbringe in dieser Art und Weise (also mit Freude und Dankbarkeit) Zeit mit etwas in mir, das im Moment so traurig und frustriert ist.“ – eine neue Stufe der Präsenzsprache.

So bin ich befreit aus ewigen Kreislauf des „Entweder – Oder“ und darf sowohl Traurigkeit als auch Freude haben; und mein Sohn bekommt hoffentlich einen lebendigeren Vater zurück. Ich denke, es reicht ihm, wenn andere Leute ständig bewerten und bemängeln. Und ich muss mir jetzt überlegen, wie es weitergehen soll mit der Schule.

Sind Sie fasziniert? Erkennen Sie sich wieder?

Wenn Sie diesen respektvollen, unaufgeregten und kontemplativen Ansatz mögen, dann schauen Sie sich gerne an, was es Ihnen bringen kann Focusing zu erlernen.

Herzliche Grüße,
Elmar Kruithoff