Tipps & Tricks Nr. 10 – Was ist direkt nach einer Sitzung angemessen?

Jemand beschreibt folgendes Problem:

„Meine Focusing-Partnerin und ich haben uns angewöhnt, nach einer Focusing-Sitzung noch viel darüber zu sprechen. Ich fand das eine Zeit lang sehr interessant und lehrreich. Jetzt merke ich aber zunehmend, dass es mich erschöpft und irritiert.“

Vielen Dank – diese und ähnlich gelagerte Fragen bekomme ich immer wieder, zuletzt in der Übungsgruppe am Donnerstag. Das ist auch kein Wunder, denn es verändert sich ständig, was wir von einer Focusing-Sitzung möchten und erwarten. Und wie gut, dass Sie das mitbekommen und formulieren können. So sollte dem nicht mehr viel im Wege stehen, dies zu Ihrer Zufriedenheit zu ändern.

Dem veränderten Bedarf Wert und Stimme geben

Wenn Sie etwas Anderes als bisher möchten oder erwarten, dann ist die Umsetzung oft nicht so einfach. Dies liegt allerdings oft einen Schritt vor der Umsetzung: Vielleicht bekommen Sie Ihren veränderten Bedarf ersteinmal überhaupt nicht mit. Oder Sie bekommen mit, dass es einen veränderten Bedarf gibt, geben dem aber weder Wert noch Stimme.

Irritation und Erschöpfung, wie in Ihrem Fall, sind meiner Erfahrung nach oft Begleiter einer verschlafenen Feinjustierung innerhalb einer nicht mehr passenden Situation. Es ist also gut, dass Sie diese Signale jetzt wahrnehmen und ernstnehmen.

100% Verantwortung

In der Rolle des Focusers zeigt sich deutlich: Sie haben 100% Verantwortung für Ihren Prozess, und dies soll Ihnen auch niemand abnehmen. Darum geht es. Die Begleitung hat daran nichts zu entscheiden, zu analysieren, zu kommentieren oder zu interpretieren; in der Begleitung geht es ausschließlich um die Unterstützung Ihrer eigenen Schritte – die Sie am besten selbst gehen.

Dieser Grundsatz bezieht sich auch auf die Phase direkt nach der Focusing-Sitzung. Sie selbst sollten frei entscheiden, wie mit dem gerade eben gewesenen Prozess und den Inhalten umgegangen werden soll.

Intentionen

Welche Optionen gibt es nun beispielsweise direkt nach einer Sitzung? Meiner Meinung nach hängt dies von der eigenen Intention ab. Wozu möchte ich diese Focusing-Sitzung nutzen? Hier sind zwei Möglichkeiten:

Intention 1: „Ich möchte ein Thema bearbeiten, mich aber vor allem auch mit Focusing auseinandersetzen.“

Dies wäre eine Intention, die zum Beispiel für die Übungsgruppen angemessen ist. Ich sehe dann den Focusing-Prozess im Kontext meines Lernens und des Lernens der anderen Teilnehmerinnen. Ich habe Lust, zu experimentieren. Direkt nach der Sitzung könnte also der zuerst der Focuser eine Rückmeldung geben im Sinne von:  „Wie ging das? Was war einfach, was war schwierig? Wie ging es mir mit den Reflektionen und Einladungen der Begleitung?“ Der Schwerpunkt liegt also nicht auf den Inhalten, sondern auf dem Umgang mit den Inhalten – der Focusing-Technik, der Sprache, oder anderen interessanten Aspekten. Dieselbe Art von Fragen könnte dann die Begleitung nutzen, um ein Feedback auf ähnlicher Ebene zu formulieren.

Intention 2: „Ich möchte ein Thema bearbeiten und im Anschluß nur bei mir bleiben, im tiefen Kontakt; also möglichst wenig oder gar nicht danach sprechen.“

Dies wäre eine Intention, die für Focusing-Tandems geeignet ist und genauso auch in den Übungsgruppen vorkommen kann. Direkt nach der Sitzung kann der Focuser in diesem Fall einfach sagen: „Und ich würde gerne damit in Stille bleiben.“ Die Begleitung respektiert diesen Wunsch, auch wenn es von ihrer Seite Fragen oder Ideen gibt.

Grundsätzlich gilt:

  • Der Focuser sollte entscheiden, ob nach der Sitzung gesprochen wird oder nicht.
  • Wenn ja, dann sollte der Focuser auch darüber entscheiden, worüber gesprochen oder nicht gesprochen wird – und wer mit welcher Fragestellung anfängt.
  • Der Focuser kann aber braucht dies nicht am Anfang der Sitzung zu entscheiden. Je nachdem, wie die Sitzung am Ende erlebt wird, wird sich die Intention eventuell ändern.