Tipps & Tricks Nr. 1 - Was kann ich tun, wenn viele verschiedene starke Gefühle auftauchen?

Eine wichtige Frage, die so häufiger im Focusing auftritt:

"Ich möchte anfangen, mich im Focusing mit einem schwierigen Thema in meinem Leben auseinandersetzen. Was ich normalerweise nur als eine Art Frustration wahrnehme, wird im Focusing schnell zu vielen verschiedenen Gefühlen, die aufeinander folgen und sich gegenseitig bekämpfen. Ich springe dann zwischen diesen Gefühle hin und her. Ich verliere schnell den roten Faden und frage mich jetzt Was kann ich tun? Ist das normal?"

Focusing mit schnell aufeinander folgenden Gefühlszuständen kann ersteinmal verwirrend und überwältigend sein; und ich kann gut verstehen, dass in solch einer Situation auch das Gefühl dafür abhanden kommt, wozu ich eigentlich Focusing mache.

Ich höre also aus dieser Frage mehrere interessante Aspekte heraus. Erstens, was ist eigentlich der rote Faden im Focusing? Und zweitens, welche Möglichkeiten gibt es, damit anders umzugehen als bisher?

Meiner Erfahrung nach ändert sich der rote Faden je nachdem in was für einer Phase ich im Focusing stecke. Erlebe ich noch viele verwirrende Gefühle geht es darum aus diesen Gefühle aufzutauchen. Es gibt ja dieses schöne Zitat von Gene Gendlin, dass wenn Sie wissen möchten wie die Suppe duftet Sie besser nicht den Kopf hineinstecken sollten.

Es geht also in diesem Fall zuallererst darum, mehr Abstand zu der Suppe aus Gefühlen zu gewinnen - oder anders gesagt präsent oder gegenwärtig zu werden. Im IR Focusing gibt es dafür u.A. die Präsenzsprache (die Gegenstand des Einsteigerpakets ist). Wichtig ist aber: Je verwirrender die Lage ist, desto wichtiger ist es, dass mein Körper mit in diese Arbeit einbezogen wird. Denn nur wenn ich meinen Körper wahrnehmen kann, langsamer als gewohnt, kann ich wirklich auftauchen und sagen: "Ich nehme wahr, dass dort etwas in mir ganz verwirrt und, ja, ängstlich ist".

Nacharbeiten mit Präsenzsprache

Es gibt verschiedene Arten, mit sich schnell ändernden Gefühlszuständen im Focusing umzugehen, z.B. das Zulassen und Folgen (für das ich viel Präsenz benötige), das Hinauszoomen (welches mir hilft, wieder mehr Präsenz zu erlangen bzw. neue Bedeutungen zu erschliessen), das gleichzeitige Halten oder das neu Ansetzen bzw. Aussteigen.

Eine weitere interessante Möglichkeit bietet sich in der Nacharbeitung. Nehmen Sie dafür möglichst jeden einzelnen Zustand und beschreiben Sie diesen wie im Focusing in einem Satz im Format "Ich bin ...". Lassen Sie einfach alle Sätze nacheinander kommen und schreiben Sie sie untereinander auf ein Blatt Papier.

Dann beginnen Sie, sich Zeit für jeden einzelnen dieser Sätze zu nehmen und wahrzunehmen, wie diese "Ich bin"-Satz wirkt. Übersetzen Sie diesen Satz dann in Präsenzsprache, zum Beispiel in das Format "Etwas in mir ..." oder "Ich nehme wahr, dass etwas in mir ...".

Gehen Sie nun sorgfältig zwischen diesen beiden Sätzen hin und her, langsam und aufmerksam. Nehmen Sie wahr, was genau sich ändert. Vielleicht können Sie für sich beschreiben, wie sich diese Änderung anfühlt - und seien Sie aufmerksam, ob Sie vielleicht an einer Stelle bleiben, innehalten und vielleicht  auf einmal spürbar mehr im Körper sind: Dies wäre dann wieder der rote Faden, den Sie in all der Verwirrung suchen - sich selbst, fähig mit all dem (der Verwirrung) zu sein. Damit üben und pflegen Sie die Grundlage, um neue Schritte aus sich selbst heraus zu gehen.