Ann Weiser Cornell

Vollständiger Felt Sense

Manchmal spürt man, dass ein Mensch feststeckt, und zwar nicht deswegen, weil er nichts fühlt – er fühlt etwas – sondern weil das, was er fühlt, irgendwie flach oder unvollständig erscheint. „Der vollständige Felt Sense“ ist ein Modell, das dabei helfen kann, jenes einzufügen, was fehlt. Gewöhnlich würde man das Vorhandensein des vollständigen Felt Sense überprüfen, nachdem eine körperliche Beschreibung (Griff) gefunden ist und bevor der Fokussierende aufgefordert wird zu „spüren, wie es sich von seinem Standpunkt fühlt“.

In den letzten Jahren habe ich es so dargestellt, dass der Felt Sense vier Aspekte aufweist: Körpergefühl, emotionale Qualität, Bild oder Symbol und eine Verbindung zum Leben bzw. eine Hintergrundgeschichte. Ich habe beobachtet, dass ein Mensch normalerweise Focusing auf einem dieser vier Pfade betritt. Dann, während die Sitzung voranschreitet, „füllt“ sich der Felt Sense üblicherweise aus, so dass immer mehr dieser Aspekte vorhanden sind. Die Person beginnt vielleicht damit, eine Geschichte über ein Thema aus ihrem Leben zu erzählen, fängt dann an, eine Emotion zu erleben und spürt danach etwas im Körper. Oder sie beginnt vielleicht mit einem Körpergefühl, bekommt daraufhin ein Bild dafür, spürt dann dessen emotionalen Ton und wird sich schließlich klar darüber, womit es in ihrem Leben zu tun hat.

Daraus lernen wir zweierlei: Erstens ist es legitim, Focusing auf irgendeinem dieser vier Wege zu betreten. Das Körpergefühl ist nicht die einzige Möglichkeit anzufangen. Zweitens kann der Begleiter auf diese Weise feststellen, welcher dieser vier Aspekte vorhanden ist und, sollte die Sitzung stecken bleiben, ob einer fehlt. Die fehlenden können daraufhin eingeladen werden.

Die vier Aspekte des vollständigen Felt Sense sind nicht alle gleichwertig. Das Körpergefühl ist der wichtigste, Bilder sind am unwichtigsten. Einige Fokussierende dringen durch Bilder in den Felt Sense ein, wenn Bilder jedoch bei jemandem nicht vorhanden sind, würde ich sie nicht heraufbeschwören, es sei denn als letztes Mittel. Nicht für jeden sind Bilder eine natürliche Modalität.

Stellen Sie also zunächst fest, ob der Fokussierende schon ein Körpergefühl hat. Falls nicht, laden Sie es ein: „Und vielleicht könnten Sie einmal nachspüren, wie sich all das in Ihrem Körper anfühlt.“

Wenn ein Körpergefühl vorhanden ist, aber sonst nichts, versuchen Sie es als Nächstes mit dem emotionalen Ton. „Vielleicht mögen Sie sich auch fragen, ob es irgendeine emotionale Qualität hat, irgendeine Art und Weise, wie es sich anfühlt.“ (Bei einem neuen Fokussierenden ist es in Ordnung zu raten, um ihm eine Vorstellung davon zu geben, was wir meinen: „Es könnte zum Beispiel ein ängstlicher Druck sein oder ein verärgerter Druck oder eine Art Druck, der sich versteckt, oder etwas anderes…“).

Als Drittes würden Sie nach der Hintergrundgeschichte fragen, wenn sie nicht schon da ist, oder danach, wie all das mit dem Leben des Fokussierenden zusammenhängt. Sie könnten etwa fragen: „Haben Sie ein Gespür dafür, worum es dabei in Ihrem Leben geht?“ Oder: „Fragen Sie vielleicht einmal diese Stelle, was in Ihrem Leben das hervorruft.“ Möglicherweise ist dies ein guter Zeitpunkt, um dem Fokussierenden zu versichern, dass er Ihnen nicht mitteilen muss, worum es sich handelt, es ist jedoch hilfreich, wenn er es selbst weiß. Sie könnten also sagen: „Spüren Sie einfach, ob Sie ein generelles Gefühl dafür haben, womit dies in Ihrem Leben zusammenhängt, Sie brauchen es mir aber nicht zu erzählen.“

Alles, was in dem Prozess kommt, einschließlich von Gedanken, kann an diesem Punkt hilfreich sein. Nehmen wir einmal an, Sie fragen den Fokussierenden: „Haben Sie ein Gespür dafür, worum es dabei in Ihrem Leben geht?“ Nach einem kurzen Moment antwortet der Fokussierende: „Keine Ahnung, aber ich muss immer daran denken, wie hart meine Woche gewesen ist.“ Für diesen Menschen mag das der Weg sein, auf dem die Antwort kommt. Versuchen Sie zu sagen: „In Ordnung, überprüfen Sie einmal das Gefühl in Ihrem Körper. Fühlt es sich so an, als ob es damit zu tun hat, wie hart Ihre Woche gewesen ist?“

Vorschläge, wie fehlende Aspekte eingeladen werden können

Das Körpergefühl einladen:

 

  • „Vielleicht könnten Sie einmal nachspüren, wie sich all das in Ihrem Körper anfühlt.“
  • „Wäre es in Ordnung zu spüren, wie sich diese Traurigkeit in Ihrem Körper anfühlt?“
  • „Schauen Sie einmal, ob Sie Ihren Körper bitten könnten, Ihnen ein Gefühl für diesen unordentlichen Schreibtisch zu geben und auch dafür, was Sie vom Aufräumen abhält.“

Den emotionalen Ton einladen:

 

  • „Vielleicht mögen Sie auch einmal nachfragen, ob es eine emotionale Qualität hat.“
  • „Möglicherweise könnten Sie nachspüren, ob es irgendeine Art und Weise gibt, wie es sich aus seiner Perspektive fühlt.“

Die Hintergrundgeschichte einladen oder wie all das mit dem Leben des Fokussierenden zusammenhängt:

 

  • „Würde es sich richtig anfühlen, es zu fragen: ‚Was in deinem Leben ruft das jetzt hervor?‘“
  • „Spüren Sie einmal, ob Sie da drinnen fragen wollen: ‚Was in deinem Leben fühlt sich so an?‘“
  • „Schauen Sie, ob Sie ein Gespür dafür haben, dass dies irgendwie mit Ihrem Leben zusammenhängt, selbst wenn Sie nicht wissen wie.“

Bilder oder Symbole einladen:

 

  • „Möglicherweise wollen Sie einmal spüren, ob ein inneres Bild damit verbunden ist.“

Gedanken und Bilder, die einem so vorkommen, als würden sie ablenken, wenn die Person schon etwas Bestimmtes fühlt, können in Wahrheit Wege sein, die der Körper geht, um das zu ergänzen, was fehlt.

Die Person weiß eventuell nicht genau, womit das Gefühl in Verbindung steht, und das ist in Ordnung. Wonach wir suchen, ist ein Gefühl, dass es mit irgendetwas zu tun hat. Ihre Frage hilft der Person, die „Über-Etwas-Qualität“ des Gefühls zu spüren, was den Rest der Sitzung viel vollständiger und fruchtbarer macht – selbst wenn die „Über-Etwas-Qualität“ nicht erklärt werden kann. Ohne dieses Verbundensein mit dem Leben kann sich die Sitzung reduzieren auf ein bloßes Verfolgen von Gefühlen ohne Bedeutung. Sobald Sie merken, dass das geschieht, ist dies in jedem Fall ein Signal dafür, dass Sie nach der Verbindung zum Leben fragen sollten.

Wenn das „Es“ zum Leben erwacht:

Im Zentrum des Kreises befindet sich ein Wesen, das ich das „lebendige Es“ nenne. Dies ist eine in mancher Hinsicht humorvolle Widerspiegelung der Tatsache, dass in einer Focusing-Sitzung, die wirklich gut läuft, ein Zeitpunkt kommt, an dem der Felt Sense zum Leben zu erwachen scheint, an dem er einen Willen, Bedürfnisse und einen eigenen Standpunkt hat. Es ist wunderbar, wenn das geschieht, weil dann der Focusing-Prozess nicht länger feststeckt. Die Beziehung mit dem lebendigen Es enthält alles, was der Fokussierende braucht, um erfolgreich mit dem, was da ist, zu fokussieren, weil das Es mitteilen wird, was es braucht.

Das lebendige Es steht im Zentrum des Kreises des vollständigen Felt Sense, weil es alle vier Aspekte des Felt Sense beinhaltet. Es befindet sich im Körper, es besitzt einen emotionalen Ton, es hat eine symbolische Qualität (häufig fühlt es sich wie ein Kind oder ein Tier etc.) und es weist ein vielfältiges Verbundensein mit dem Leben auf.

Das Es kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt während der Sitzung zum Leben erwachen. Ich erinnere mich an eine Sitzung, in der ein Mann ein Gefühl in seinem linken Brustraum spürte, das sich wie eine Kralle anfühlte. Er wusste nicht, womit es zusammenhing, er spürte keinen emotionalen Ton und es wollte sich einfach nicht öffnen, egal wie lange er bei ihm blieb. Schließlich fragte ich ihn, nur um irgendetwas auszuprobieren, ob er es aus sich herausstellen könnte. Er berichtete: „Es will sich nicht bewegen.“ Wie interessant! Das war der Wendepunkt in der Sitzung. Ich fragte ihn, ob er einmal nachspüren möge, was es denn stattdessen wollte, und schon waren wir wieder mitten im Prozess.

Wenn Sie begleiten oder auch nur zuhören, achten Sie auf das Erwachen des lebendigen Es, weil viel mehr in Fluss gerät, wenn man es willkommen heißt. Beobachten Sie, wie der Zuhörer hier das Es ignoriert:

Fokussierender: „Ich spüre eine Finsternis in meinem Magen.“

Zuhörer: „Sie haben Finsternis da drin.“

Fokussierender: „Es hat Angst vor irgendetwas.“

Zuhörer: „Sie haben Angst.“

Verwandeln Sie „Es“ nicht in „Sie“! Sie verlieren die wundervolle Unterscheidung, die dem Fokussierenden dabei hilft, eine Beziehung zum Felt Sense aufzubauen, anstatt sich mit ihm zu identifizieren.

Auszug aus The Focusing Guide’s Manual, 1991
Ins Deutsche übertragen von Arno Katz