Ann Weiser Cornell: Die Kunst des Annehmens - Leben und Arbeiten mit Focusing

Das zweite Buch von Ann Weiser Cornell (The Radical Acceptance of Everything) ist jetzt unter dem Titel Die Kunst des Annehmens auf Deutsch erschienen. Lesen Sie, wie mich dieses Buch beeinflusst hat und wie es inhaltlich aufgebaut ist.

Einige der Artikel in diesem Buch stehen auch online auf dieser Webseite zur Verfügung, wie beispielsweise Radikale Freundlichkeit und die Verwandlung des inneren Kritikers und Drei Schlüsselmerkmale von Focusing steht online.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Bereiche eingeteilt.

Im ersten geht es um die Kunst des Annehmens und hier finden sich insgesamt sieben wichtige, zum Teil auch sehr persönliche, Artikel inklusive eines wegweisenden Textes von Barbara McGavin. (Im Original: The ‘Victim’, the ‘Critic’ and the Inner Relationship: Focusing with the Part that Wants to Die).

Ann Weiser Cornell und das Ansichtsexemplar ihres neu auf Deutsch erhältlichen Buches "Die Kunst des Annehmens - Leben und Arbeiten mit Focusing" im Juni 2013 bei uns im schönen Dänemark.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit fortgeschrittenen Focusing-Themen aus den Retreats 'Treasuremaps to the soul', die Ann zusammen mit Barbara inzwischen weltweit anbieten. Die Geschichte der Treasuremaps, der erste Text in diesem Kapitel, steht online und ist sicherlich eine spannende Lektüre.

Im dritten, recht kurzen Kapitel, geht es um die Focusing-Tandems und wie diese sicher und gut durchgeführt werden. Einer dieser Texte, Sicheres Focusing mit (fast) jedem Begleiter, kann online bei Focusing Resources gelesen werden. Diese Texte sind Standard für das Einsteigerpaket des Focusing, manchmal aber auch noch für Fortgeschrittene interessant.

Im vierten Kapitel wird es interessant für alle, die sich für die sprachlichen Aspekte des Focusing interessieren. Hier wird u.A. dargelegt, wie wir mit Sprache Prozesse und die Entstehung von Präsenz fördern oder behindern können.

Das fünfte Kapitel geht auf fortgeschrittene Themenstellungen für Focusing-Lehrerinnen und -lehrer ein, wobei auch die Geschichte bzw. Entstehung der Methode mit einbezogen wird.

Im letzten Kapitel werden fünf Gründe erörtert, warum Focusing bisher noch nicht weiter bekannt ist. All diese Texte wurden im Original 2005 veröffentlicht. Focusing hat sich seitdem weiterentwickelt; die genannten Gründe stimmen aber natürlich zu einem gewissen Grade immer noch.

Ein wegweisendes Buch für mich persönlich

„Die Kunst des Annehmens“ war 2005 in der englischen Erstauflage ein wegweisendes Buch für mich. Wer das Inhaltsverzeichnis aufschlägt, sieht wie ungewöhnlich das Buch strukturiert ist – es ist eine Sammlung von Artikeln, die aus unterschiedlichen Zeiten der Entwicklung des Inner Relationship Focusing stammen.

Die Entwicklung und Flexibilität innerhalb dieser Methode zu sehen, fasziniert mich bis heute. So spielte der Artikel „Das Opfer, der Kritiker und die Innere Beziehung“ (S. 63) von Barbara McGavin in der Entwicklung der IR Focusing eine entscheidende Rolle; und ich denke, dass dieser Schritt in der Theorientwicklung für alle wichtig zu lesen ist, die sich mit dem Wirken des Inner Relationship Focusing näher auseinandersetzen möchten.

Das Buch ist in 6 Bereiche eingeteilt, die für mich so aber nie eine Rolle gespielt haben; ich habe das Buch eher kreuz und quer gelesen. Einige wichtige Artikel für mein Lernen damals waren neben dem o.g. Artikel von McGavin:

  • S.111 – Radikales Sanftsein - Die Verwandlung des inneren Kritikers (Ich nenne dies im Ggs. zu den Übersetzern nicht „Sanftsein“, sondern „Freundlichkeit“). In diesem Text wird bis ins kleinste Detail aufgedröselt, wie die Dynamik kritisierender Prozesse funktioniert; und vor allem wie ich mich dazu verhalten kann, wie in diesem Kampf wieder Empathie und Verständnis entstehen kann und wie sich innere Kritik in konstruktivere Prozesse verwandeln kann.
  • S.221 – Beziehung = Distanz + Verbindung. Dieser Text erklärt die Grundlagen der Inneren Beziehung und wie es eben nicht nur um die Schaffung von Distanz geht, wenn es um die Arbeit mit einem Felt Sense geht. Damit sich dieser formen kann, braucht es außerdem Verbindung nach innen, ein rechtes Interesse und ein „aktives Handeln“, wie Gendlin schreibt.
  • S.235 - Körper? Welcher Körper?. In diesem Text wird aufgeräumt mit der vermeintlich eindimensionalen Bedeutung des Körpers im Focusing. Es werden unterschiedliche Typen von Focusing-Prozessen besprochen und wie man jeweils auf diese eingehen kann.
  • S.255 - Der vollständige Felt Sense. Diesen Text zu lesen war für mich ein Schlüsselerlebnis, weil nocheinmal klar herausgearbeitet wurde, wie ein Felt Sense in sich selbst lebendig ist; ein lebendiger Prozess und kein „Teil“ oder „Marker“ oder „Problem“ oder „Lösung“.

Mein Fazit:

Wer sich schon tiefer für die Methode und auch die Entwicklung des Inner Relationship Focusing interessiert und sich nicht daran stört, dass dieses Buch aus Einzelartikeln besteht, der liegt mit einem Kauf richtig. Viele wichtige Themen, mit denen ich als Focusing-Lehrer täglich arbeite, werden in den einzelnen Artikeln zum Teil glasklar entwickelt und erklärt.

Wer sich anfänglich über Focusing informieren und konkrete Anleitung möchte, dem sei eher das Buch Focusing - Der Stimme des Körpers folgen: Anleitungen und Übungen zur Selbsterfahrung von der gleichen Autorin empfohlen.