Ann Weiser Cornell und Barbara McGavin

In der Klemme?

Ellen’s Problem war das ganze Durcheinander. Sie hatte haufenweise Papier und anderen Kram auf fast jeder verfügbaren Fläche liegen, und egal wie oft sie sich Zeit nahm um aufzuräumen – und selbst als sie einen ganzen Tag damit verbrachte – die Tatsache, dass alles ständig unaufgeräumt war schien sich niemals wirklich zu verändern. Sie fühlte sich gedemütigt von diesem ganzen Thema und ihrer scheinbaren Ohnmacht dabei – und das jeden Tag aufs Neue.

„Ich dachte, dass dieses Durcheinander meine Lebensenergie gefangen hält“, erzählte Ellen letztens. „Ich dachte, dass es mit meinem Perfektionismus zu tun hat und damit, dass ich auf keinen Fall Fehler machen mag; so etwas in der Richtung.“

Mit diesen Gedanke und Intentionen nahm Ellen an einem Trasuremaps to the Soul-Seminar teil. „Wenn das funktioniert“, sagte sie zu sich selbst, „wenn ich mich so ändere wie ich das möchte, dann bekomme ich dieses Durcheinander endlich in den Griff.“

Das macht natürlich Sinn. Wenn wir etwas als ein Problem erleben, dann soll die Veränderung natürlich bewirken, dass das Problem verschwindet. Die Welt, die wir uns dann vorstellen ist dieselbe – nur ohne das Problem.

Wir könnten das eine Art lineare Veränderung nenne. Ein Probem ist identifiziert, eine Lösung ist gefunden; und das Resultat ist, dass alles beim Alten bleibt und zwar ohne das Problem.

Diese Art Veränderung existiert. Ich habe mit der Milch gekleckert, ich habe die Milch aufgewischt. Auch wichtige Probleme können von diesem Typ sein... es geht hier also nicht um Wichtigkeit vs. Trivialität. Probleme können groß sein und viele Teilaspekte haben, aber sie können geradlinig gelöst werden. Einen Menschen auf den Mond zu bringen war im Kern diese Art von Problem.

Aber es gibt eine Art von Problem, die in einer speziellen Art und Weise komplex ist. Und diese Art von Problem zu lösen kann frustrierend sein, weil es sich scheinbar gegen jede Veränderung wehrt. Was immer wir versuchen scheint nicht zu funktionieren, Es können Jahre vorbeigehen, ohne den kleinsten Fortschritt zu erzielen. Nach einer Weile fangen wir an uns selbst zu kritisieren oder andere Leute dafür verantwortlich zu machen, was nur zu unseren Gefühlen der Machtlosigkeit beiträgt. Neue problematische Verhaltensweisen und Situationen fangen an sich zu entwickeln, weil wir das eigentliche Problem nicht lösen können und stattdesen versuchen, das Gefühl des Scheiterns zu bewältigen – und alles, was dieses Gefühl noch in uns auslöst. Was für ein Schlamassel.

Wir haben dies Art von Situation einen “Tangle” (Wirrwarr, Durcheinander) genannt und Treasure Maps to the Soul beschäftigt sich nur mit dieser Art von Problemen. Das Problem mag bspw. in einem Bereich des Lebens sein, aber es berührt auch viele andere Bereiche. Es ist wie ein Knäuel aus Garn, das dichter wird sobald man an einem Faden anfängt zu ziehen. 

Ellen’s Durcheinander war solch ein “Tangle”. Man kann leicht sehen: Sie kämpfte damit über Jahre; sie fühlte sich schlecht, dass sie es nicht lösen konnte; und sie vermutete, dass es in Wirklichkeit um viel mehr ging als nur das eigentliche Durcheinander.

In einem “Tangle” sitzen wir derartig in der Klemme und so darin verwoben, dass jeglicher Versuch uns daraus zu befreien nur dazu führt, das Problem aufrechtzuerhalten. Selbst die Art und Weise wie wir das Problem definieren oder beschreiben ist Teil des Problems: “Dieses Durcheinander bestimmt mein ganzes Leben“, “Ich habe eine Sozialphobie”, “Er hat mich betrogen”, “Wenn ich schlanker ware, dann würde man mich lieben.”, “Ich muss es nur mehr versuchen”. Wir sind in den Problem gefangen und kommen dort nicht allein mit unserem Denken heraus. 

Ich wiederhole das nochmal: Wir kommen da nicht alleine mit unserem Denken heraus. Wir können unseren Weg aus dem Problem nicht finden, indem wir konzeptualisieren, analysieren oder Lösungen suchen – nicht, wenn das Problem ein „Tangle“ ist. Gerade die Dinge, die ein direkt-veränderbares Problem lösen würden – harte Arbeit, Ausdauer, Alternativen ausprobieren – funktionieren nie mit einem „Tangle”. In Wirklichkeit verschlimmern sie das Problem sogar.

Es kann eine Erleichterung sein, wenn man versteht dass ein Problem nicht auf die gewohnte Art und Weiser lösbar ist. Kein Wunder, dass man frustriert und aufgeschmissen, entmutigt und selbstkritisch ist. Etwas völlig anderes müsste passieren; es müsste möglich sein, über die normalen Gedanken und Gefühle hinauszukommen. 

Ellen ging also zu den Treasure Maps, mit der Vorstellung, dass sie Kontrolle über ihr Problem bekommen würde. Es war ihr möglich all die Gedanken über ihr Problem loszulassen und mit neuen Augen zu sehen, wie sich das Ganze in ihr anfühlte. 

„Es fühlte sich so an, als ob meine Lebensenergie in einem Sarg war, lebendig begraben. Lebendig begraben! Dieses Bild zu bekommen war ungemein erleichternd.“ (Nur eine Person mit Focusing-Erfahrung würde verstehen, warum solch ein schreckliches Bild erleichternd wirkt! Und warum tut es das? Weil es wahr ist. So hat es sich tatsächlich angefühlt.) 

Während das Seminar weiterging hatte Ellen ein wachsendes Gefühl von “all dieser Energie, die sich selbst in etwas wirklich bedeutendes hineingiessen wollte ... Im Gegensatz zu meiner Arbeit zu der Zeit.” Sie wusste nicht, was das sein könnte, oder wie das aussehen könnte ... aber sie konnte fühlen, wie so etwas wie Ruhe in ihr entstand.

Sie erinnert sich daran, wie jemand auf dem Seminar sagte „Diese Übungen und Erkenntnisse können zu einer Art aktivem Warten führen, in welchem du darauf vorbereitet wirst, den nächsten richtigen Schritt zu erkennen sobald dieser kommt“. Und genau so fühlte sie sich. 

Als sie etwas später eine Einladung zu einem intensiven Meditationstraining per email bekam, gab es keine Frage, sondern nur ein Erkennen: „Oh ja, das brauche ich jetzt.“ Eine Sache führte so zur nächsten; und im Augenblick fängt sie damit an, eine Mindfulness-Meditationslehrerin zu werden; und sie liebt es. Das Gefühle von der Lebensenergie im Sarg ist jetzt völlig verschwunden.

Und das ganze Durcheinander? “Während es immer noch viel Unaufgeräumtes gibt, hat sich meine Beziehung dazu verändert. Ich weiß jetzt, was mir wirklich wichtig ist. Wenn ich Zeit zum Aufräumen habe, dann mache ich es jetzt einfach. Es gibt alle möglichen Schränke und Schubladen, die jetzt aufgeräumt sind.“ 

Ein Problem, das es jahrelang gab, ändert sich auch nicht plötzlich mit Focusing. „Tangles“ müssen öfters angeschaut werden, damit sich jeder einzelne Faden entwirren kann.

„Damals dachte ich, das dieses ganze Durcheinander meine Lebensenergie gefangen hält, aber jetzt verstehe ich, dass dies einfach nur eine Reflektion davon war, dass meine Lebensenergie selbst nicht fliessen konnte.“ In meinem Fall was der ganze Prozess langsam und graduell... aber wenn ich zurückschaue, dann hat sich - in einer wunderschönen Art und Weise - eins aus dem anderen ergeben. Wenn ich zurückschaue, hat alles nahtlos zusammengepasst wie in einer prachtvollen Architektur des Lebens.”

 

Ann Weiser Cornell and Barbara McGavin haben zusammen das Inner Relationship Focusing sowie Treasure Maps to the Soul entwickelt.

Im Original erschienen in: The Focusing Connection, Ausgabe März 2011
Übersetzung: Elmar Kruithoff